Geschichte schreiben
Die DDR und Die Linke: Auf dem Weg zur Wahrheit gibt es keine biologische Lösung. Gregor Gysis Erwartung dürfte sich nicht erfüllen
Kurt Pätzold
Gerät ein Politiker der Linken vor das Mikrofon eines Mitarbeiters einer
bürgerlichen Zeitung, geht es selten ohne Frage nach dem Umgang der
Partei mit ihrer Vergangenheit ab. Damit wird in aller Regel nicht die
Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte, sondern die Vorvergangenheit
gemeint, also das Verhältnis zur Geschichte von SED und DDR. Und ein
wenig schwingt, ausgesprochen oder nicht, da meist die Erwartung mit,
ein noch ausstehendes »Mea culpa, maxima culpa« zu hören. In der Sprache
der Journalisten heißt das Verfahren Interview, es läßt sich auch
anzapfen nennen, ohne daß dabei auf die Münchener Oktoberfestwiese
gezielt wird.
So erging es jüngst wieder dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der
Linken, Gregor Gysi, bei einer Begegnung mit einem Reporter der
Stuttgarter Zeitung, der meinte, die Vergangenheit sei für diese Partei
ein Problem, und der wissen wollte, wann sie aufhören werde, eben das zu
sein. Darauf hätte sich antworten lassen, daß diese Vergangenheit
zunächst einmal Gegenstand einer Durcharbeitung und Auseinandersetzung
war und ist und dies auch auf unbestimmte Zeit bleiben werde, daß sich
die kritische und selbstkritische Intensität, mit der sich die Partei
mit ihr befasse, sich mit der jeder anderen Partei gut messen könne.
Allerdings nur in seltenen Fällen, weil der Vergleichsstoff fehlt,
schweigen doch die sich in der Mitte drängelnden Parteien zumeist über
ihre Geschichte, sofern die nicht auf Ruhmesblätter zu schreiben ist …
Hätte der Reporter dann weiter gefragt, was unwahrscheinlich ist, denn
so genau wollen es die meisten nicht wissen, worauf sich dieses Urteil
gründe, hätte ihm die Antwort einige Zeit und Geduld abgefordert. Seit
Jahren forschen und publizieren Historiker, die Mitglieder der
Linkspartei sind oder zu derem näheren oder weiteren Umfeld gehören,
über diese Vergangenheit, die auch ihre eigene ist: Jörg Rösler, Günter
Benser, Rolf Badstübner, Siegfried Prokop, Mario Kessler, Stefan
Bollinger, Jörn Schütrumpf und andere, durchweg an Universitäten der DDR
ausgebildete Fachleute. Doch der Kreis derer, die sich mit Fragen der
Geschichte der DDR befassen, und das tun heißt notwendig, auch auf die
der SED kommen, ist weit größer und verzweigter.
Gewaltiges Beschweigen
Es mag schlichter Unkenntnis entspringen, daß von dieser Arbeit und
ihren Resultaten wenig die Rede ist. Die Verlage, in denen solche Bücher
erscheinen, sind nicht eben Großmeister der Reklame, und das schon aus
Gründen ihrer Mittel nicht. Doch das Beschweigen ist auch gewollt, wie
die in den Feuilletons geübte Ignoranz gegenüber dieser Literatur
beweist. Und das in Zeitungen, deren Mitarbeiter dann fragen, wann
endlich usw. Vieles, was wissenschaftlichen Anspruch erheben kann,
erscheint in Heften, die in keiner Buchhandlung Verbreitung finden. Das
gilt insbesondere für die Reihe zur DDR-Geschichte, die von der Berliner
Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Hellen Panke,
herausgegeben wird, an der Historiker, Literaturwissenschaftler und
andere Spezialisten beteiligt sind und die inzwischen beim 126. Heft
angekommen ist. Mit erheblichen Anstrengungen sind vielerorts auch
regionale und lokale Untersuchungen zur DDR-Geschichte entstanden und
publiziert worden, die gleiche Nichtachtung trifft.
Unterm grünen Rasen
Gregor Gysi hat dem Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung diesen
aufklärenden Kurzbericht erspart und ihn laut Ausgabe vom 19.Oktober
2011 zunächst so beschieden: »Bestimmte Probleme erledigen sich erst,
wenn die Generation nicht mehr da ist, die in Wahrheit nur ihr eigenes
Leben verteidigt.« Der Satz schillert bunt und ist nicht mißdeutet, wenn
festgestellt wird: In ihm drückt sich die Hoffnung aus, der Durchbruch
zur geschichtlichen Wahrheit und ihrer Verbreitung werde gelingen, wenn
die Generation der Zeitgenossen von einst der grüne Rasen deckt. Das mag
ein Wunsch, ein Glaube, eine Hoffnung sein, es ist vor alledem aber ein
Irrtum. Und zwar ein doppelter. Denn vielfach ist erwiesen, daß
Dabeigewesensein oder Zeitzeugenschaft keine Barriere für die Erkenntnis
eines Zusammenhangs, einer Entwicklung oder einer Tendenz bildet. Um
aus deutscher Vergangenheit zwei der weithin bekannten, inmitten
politischer Kämpfe gewonnenen Einsichten zu nennen, die kaum noch
umstritten sind: Karl Liebknechts »Der Hauptfeind steht im eigenen Land«
und die Warnung der Kommunisten »Hitler – das ist der Krieg«. Beständig
beschäftigen sich Historiker mit Zeiten, die sie »mittendrin« erlebt
haben und produzieren Werke von Rang und Dauer. Eric Hobsbawm mag hier
für viele stehen.
Also kann jedenfalls von der Generation als ganzer rechtens nicht
gesprochen werden. Doch wichtiger noch ist, daß das Subjekt, der
suchende, forschende und urteilende Mensch aus der Geschichte, aus der
Auseinandersetzung mit dem Objektiven doch nie heraustritt. Und wie es
unter den Zeitgenossen einer Etappe oder eines Geschichtskapitels solide
Forscher und Scharlatane, Kommunisten und Antikommunisten, selbständige
Denkende und käufliche Geister gibt, so auch unter den Nachgeborenen,
die mit dem Geschehen keinen einzigen persönlichen Eindruck verbinden.
Die Probleme, die Herausforderung, die sich mit der gedanklichen
Rekonstruktion von Geschichte verbinden, erledigen sich mit biologischen
Prozessen nicht, sie werden nicht einmal weniger, sondern können sich
noch vermehren, wenn es sich um eine Geschichte handelt, »die noch
qualmt« und in die dann ein Wind hineinfährt. Nur darf das Zugehen auf
Zeitzeugen nicht einäugig erfolgen, sich weder nur auf die »Erbauer« der
DDR eingrenzen noch deren Gegner und »Dissidenten« bevorzugen, von
denen letztere derzeit die Favoriten der Medien sind.
In den Strukturen
Trifft es denn aber zu, daß die einstigen DDR-Bürger in der Linkspartei
»in Wahrheit nur ihr eigenes Leben« verteidigen? Und daß sie, wie Gysi
weiter sagte, dabei dann »Strukturen« (was immer damit gemeint sein mag)
über jenes (auch ungenannte) Maß hinaus verteidigen, in dem diese das
verdienen? Darauf folgte kommentierend dies: »Menschlich verstehe ich
das. Wie soll einer, der zwanzig Jahre lang Grenzer in der DDR war,
sagen, es war alles Scheiße, was ich gemacht hab’?« Der würde natürlich
Begründungen für sein Tun suchen, und dafür gäbe es auch welche. Nur
eben – siehe oben – die seien richtig zu bemessen. Das wird ein
ehemaliger Offizier der Grenztruppen, denn in zwei Jahrzehnten Dienst
hat er es bis dahin doch gebracht, mit Einverständnis lesen. Woher
jedoch kommt die Gewißheit eigentlich, daß sich dessen Beschäftigung und
die anderer mit verwandten und ähnlichen Biographien mit der Geschichte
nur auf die jeweils eigene Person und deren Lebensverlauf bezieht und
daß ihr Ziel darin bestünde, mit sich selbst Frieden zu schließen? Und
was heißt, dies verbinde sich mit der Verteidigung unbenannter
»Strukturen«? Wäre nicht auch denkbar, daß ein Teil dieser, gemessen an
ihren Zielen und Wünschen, gescheiterten Generation mit dem Blick auf
Kinder und Enkel das Recht verteidigt, die Gesellschaft zu
revolutionieren, daß sie für das »Noch einmal, aber anders« eintritt und
sich fragt »Wie aber anders?«
Denn so ichbezogen, eitel und kleinkarriert geht es in den Köpfen und in
den Zusammenkünften der Alten in der Linkspartei nicht zu, wiewohl
nicht bestritten wird, daß es diese Haltungen auch gibt. Das wirft die
Frage auf, wie man den einen ihren Gesichtskreis erweitern hilft und
anderen, die provoziert von den Verzerrungen und Fälschungen der
DDR-Geschichte, die ihnen tagtäglich geboten werden, mehr lospoltern als
sachlich zu argumentieren vermögen, aus ihrer hilflosen Reaktion
heraushilft. Solche Hilfestellung kann sich nicht darin erschöpfen, daß
gelegentlich parteioffizielle, d.h. von gewählten Gremien verabschiedete
Erklärungen zu Stalinismus, 17. Juni oder 13. August abgegeben werden,
die ohnehin mehr auf ihre Außenwirkung berechnet scheinen denn auf
Selbstverständigung. Warum haben diese Gremien nie den Versuch gemacht,
Historiker, welche die Linkspartei erreichen kann, die alten, eingangs
genannten, und die jungen, zu dem Unternehmen zusammenzuführen, eine
Geschichte der DDR zu schreiben? Warum sind Mittel, über die doch die
der Partei nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung gebietet, dafür nie
eingesetzt worden? Gewiß, es käme auf einen Versuch an, dessen Gelingen
nicht gesichert ist. Doch die Sache ist ihn wert. Das Unternehmen könnte
zu einer Abhandlung führen, die sich vom Großvater einem Enkel
empfehlen ließe: »Da, lies mal, dann reden wir weiter.« Sie würde sehr
gewinnen, wenn auf ihren Seiten vermerkt würde, welche Antworten von
vorläufiger Natur sind und auf welche Fragen Antworten erst noch
gefunden werden müssen, manche hierzulande und andere in Moskau.
Autor: Kurt Pätzold
In: junge Welt, 8.11.2011