Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Das Haus in der Detskaja uliza 3

Zum Schicksal deutscher Facharbeiter in Stalins Sowjetunion – begraben im Wald von Lewaschowo

Anja Schindler

Lieber Genosse Shdanow!

So beginnt ein offener Brief in der Leningrader deutschsprachigen „Roten Zeitung“ vom 24. September 1935. Gerichtet ist der Brief an den Gebiets- und Stadtsekretär der Leningrader Parteiorganisation, Andrej A. Shdanow. Verfasser dieses Briefes sind elf ausländische Facharbeiter, die seit 1930 als Spezialisten im Werk „Elektroapparat“ tätig sind. Seinerzeit war das der einzige Betrieb für die Produktion von Hochspannungsapparaturen in der gesamten Sowjetunion. Und er litt nicht nur unter Maschinen- und Materialmangel, sondern vor allem an ausgebildeten Arbeitskräften, so dass mit dem Einsatz von ausländischen Facharbeitern die Produktion innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches gesteigert werden konnte.

Stolz berichten diese elf Männer aus Deutschland und Österreich über die zurückliegenden fünf Jahre: Wenn wir heute vor uns selbst Rechenschaft (…) ablegen, so können wir ehrlichen Herzens erklären, dass wir alle unsere Kräfte in den Dienst des Aufbaues einer neuen Welt eingesetzt haben. Die uns gestellten Aufgaben haben wir stets erfüllt und übererfüllt. Die Qualität unserer Arbeit haben wir gehoben, strenge Arbeitsdisziplin eingehalten, den Arbeitsprozess rationalisiert und uns stets bemüht, in aufrichtiger Zusammenarbeit mit unseren russischen Genossen ihnen unsere Erfahrungen zu übermitteln. Wir sind stolz darauf, dass wir alle den Ehrennamen des Stoßarbeiters tragen.

Begeistert und engagiert schildern sie nicht nur die vorbildlichen Ergebnisse der Produktion, sondern auch die Entwicklung der Stadt Leningrad, die für sie eine neue Heimat geworden ist: Heute hat sich Leningrads Aussehen gewandelt, es ist eine Stadt der Ordnung und Reinlichkeit, in der sich Laden an Laden reiht. Und jetzt steht die Stadt Lenins im Begriff, (…) neben Moskau ihren Platz als schönste Stadt der Welt, als mustergültige sozialistische Stadt zu erringen.

Und dann kommen die Verfasser zum eigentlichen Anliegen ihres Briefes: Sie stellen öffentlich den Antrag auf die sowjetische Staatsbürgerschaft: An dem Tag, an dem wir fünf Jahre in der Sowjetunion arbeiten, bekennen wir uns freudig zu ihr als zu unserer wahren Heimat. Wir fühlen uns als ihre Bürger und wollen ihre Bürger sein und bleiben. Wie wir mit unseren russischen Arbeitsbrüdern ihre Rechte teilen, wollen wir auch ihre Pflichten teilen und an ihrer Seite am Aufbau wie an der Verteidigung unseres sowjetischen Heimatlandes teilnehmen.

Von den elf Männern, die dieen offenen Brief unterzeichneten, sind mir sechs vertraut aus Erinnerungen meiner Mutter und anderer ehemaliger Emigranten. Sie waren Nachbarn meiner Großeltern in den 1930er Jahren in der Leningrader Detskaja uliza 3 auf der Wassilijew Insel.

Dieses Haus, das fast 100 Familien bzw. Einzelpersonen beherbergte, wurde 1931 den ausländischen Facharbeitern vom Leningrader Stadtsowjet als sogenanntes Gemeinschaftshaus zur Verfügung gestellt. Später zogen dann auch Politemigranten mit ihren Familien hier ein: Deutsche, Österreicher, Letten, Polen, Finnen; sie waren Facharbeiter, Lehrer, Schriftsteller, Journalisten. Alle fanden sie in diesem Haus ein neues Zuhause – bis zum schrecklichen Jahr 1937. Nacht für Nacht verschwanden die Erwachsenen, bis in dem Haus fast nur noch Jugendliche und Kinder zurückblieben. Auch meine Großeltern wurden verhaftet. Erst der Großvater, dann die Großmutter und mit ihr der älteste Sohn. Er hatte gerade sein 21. Lebensjahr vollendet. Meine damals 16-jährige Mutter und mein 18-jähriger Onkel blieben allein zurück.

Viele von den Bewohnern dieses Hauses in der Detskaja uliza wurden 1937/1938 erschossen, andere starben in den Arbeitslagern. Die Gedenkbücher „Leningrader Martirolog“ weisen nach bisherigen Forschungsergebnissen allein für dieses Haus 31 Erschießungsopfer aus.

Unter ihnen sind auch die sechs erwähnten Namen unserer Nachbarn: Johannes Günther, Martin Grothe, Otto Handwerk, Paul Koschwitz, Otto Sannek und Walter Zobel.

Sie alle wurden als sogenannte Volksfeinde, Spione, Trotzkisten und Terroristen erschossen.

Seit den 1990er Jahren ist bekannt, dass die Opfer des Stalin'schen Terrors aus Leningrad und dem Leningrader Gebiet im Wald von Lewaschowo in Massengräbern verscharrt wurden. Seit dieser Zeit ist dieser Wald ein Gedenkfriedhof. Angehörige aus allen Gebieten Russlands und aus anderen Ländern, einheimische und ausländische Organisationen sowie Kirchen und Glaubensgemeinschaften haben Denkmäler und Gedenktafeln für ihre Ermordeten aufgestellt.

Auch meine Familie erinnert seit 1994 an meine Großmutter, Anna Tieke, und meinen Onkel, Rudolf Tieke, die beide am 15. Januar 1938 erschossen wurden.

Im Ergebnis meiner Recherchen über das Schicksal der ehemaligen Bewohner des Hauses in der Detskaja uliza kam mir die Idee, an die mir bekannten Nachbarn, Freunde und Genossen meiner Großeltern öffentlich zu erinnern. Bei der Umsetzung unterstützten mich Alex Glesel und Rudolf Günther, die mit ihren Eltern in diesem Haus wohnten und deren Väter, Samuel Glesel und Johannes Günther, erschossen wurden. Russische Freunde in St. Petersburg, die sich schon seit Jahren um die Gedenktafel für meine Angehörigen kümmern, halfen im Juni 2011 vor Ort.

Auf dem Gedenkfriedhof Lewaschowo gibt es nun eine Erinnerung an 28 Frauen und Männer aus der Detskaja uliza 3, die unter falschen Anschuldigungen ermordet wurden oder in einem Straflager umkamen und postum rehabilitiert wurden.

Der Arbeitskreis »Sowjetexil« beim Berliner VVN-BdA e.V. lädt zu einer zweitägigen Konferenz ein: »Nach dem Schweigen«, am 28. Oktober 17 bis 20 Uhr, am 29. Oktober 10 bis 19 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin.

Anja Schindler, in Neues Deutschland, 22.10.2011

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