Karl Fehler wurde 74 Jahre alt. Er starb, seit vielen Jahren schwer krank und nahezu bewegungsunfähig, im November 2010 in Berlin- Friedrichshain. Im Arbeitskreis Sowjetexil[1] war er dennoch einer der Aktivsten. Am 21. April 2010 hatte er uns seine Lebensgeschichte erzählt. „Lebensläufe“ heißt die Veranstaltungsreihe innerhalb des Arbeits- und Gesprächskreises, in der die ehemaligen Emigrantinnen und Emigranten einander ihre Geschichten erzählen. Thema war damals „Meine Zeit im sowjetischen Kinderheim“, und die Mehrzahl der Anwesenden hatte dazu etwas zu sagen. Karl sprach ohne Unterbrechung eine Stunde lang – zum Glück gibt es davon eine Tonaufzeichnung in unserem Archiv, ergänzt von biografischen Aufzeichnungen und Fotos aus mehreren Lebensjahrzehnten.
Die abgebildete Fotografie aus dem Jahr 1948 zeigt den dreizehnjährigen Sowjetpionier zusammen mit Mutter und Schwester vor dem Internationalen Kinderheim der ‚Roten Hilfe‘ in Iwanowo bei Moskau – der letzten Heimstation vor der Rückkehr nach Deutschland 1954. Die drei waren hier, nach fast zehnjähriger Trennung, wieder beisammen. Es fehlt auf dem Foto der Vater Karl Fehler, Mitglied der KPD, seit 1933 Koordinator der illegalen Arbeit in Südwestdeutschland. Er war 1934 von den Nazis verhaftet und 1941 im KZ Sachsenhausen ermordet worden. Der gleichfalls verfolgten Mutter Anna Fehler gelang die Flucht nach Paris und 1935 mit den Kindern Lydia und Karl in die Sowjetunion. Während der Vater im deutschen Zuchthaus Kassel-Wehlheiden saß, verhaftete der NKWD 1938 in Moskau die Mutter. Sie wurde zu fünf Jahren Lagerhaft, danach zu weiteren fünf Jahren Verbannung verurteilt. Für die nächsten zehn Jahre verliefen die drei Lebenswege der kleinen Familie getrennt voneinander. Anna Fehler kam in ein Lager bei Tomsk in Sibirien; Tochter und Sohn verbrachten den Großteil ihre Kindheit in weit voneinander entfernten Erziehungsheimen. Der vierjährige Karl kam in ein Heim des NKWD. Für den Jungen begann eine Odyssee von der Ukraine bis zum Ural, von einem Heim ins andere, bis sich Anna, Lydia und Karl Ende 1947 in Iwanowo wiedersahen. Karl erzählte, dass dort, wo er halb verhungert, von Kopf bis Fuß verlaust und an Malaria erkrankt ankam, von der Ärztin zuallererst seine Kleidungsstücke verbrannt wurden. Er bekam täglich Chinin und eine extra Portion Lebertran. Zum ersten Mal in seinem bewussten Leben schlief er in einem mit Wäsche bezogenen Bett. Die Mutter Anna, inzwischen an Wirbelsäulentuberkulose erkrankt, lag bis 1954 im dortigen Krankenhaus. Im März 1955 schließlich erlaubte man ihr und den Kindern die Ausreise in die DDR. Vor der Zentralen Kontrollkommission der SED gab es im November 1955 eine geheim zuhaltende mündliche „Rehabilitation“, von der nichts nach außen dringen durfte. Die Scheinrehabilitation war – falls es überhaupt dazu kam - die übliche Praxis.
Als der Arbeitskreis vor drei Jahren als eine Art Interessengemeinschaft entstand, wussten selbst seine Mitglieder wenig voneinander. Viele der ehemaligen Emigranten und ihre in der Sowjetunion geborenen bzw. aufgewachsenen Kinder sahen sich hier zum ersten mal. Wir waren erstaunt, dass unsere Lebenslinien so viele Parallelen aufwiesen oder sich vor Jahrzehnten sogar gekreuzt hatten – erst in Moskau oder Leningrad, später in Kasachstan und Sibirien. Das Schicksal Karl Fehlers und seiner Familie war keineswegs die Ausnahme – eher die Regel: Emigration in die Sowjetunion nach der Naziverfolgung in Deutschland; Tod der zurückgebliebenen Illegalen in deutschen Gefängnissen oder Konzentrationslagern; erste hoffnungsvolle Jahre in der Sowjetunion; Verhaftungen während des „Großen Terrors“ durch die sowjetischen Staats- und Sicherheitsorgane; Jahre bis Jahrzehnte in Lager und Verbannung, nach dem Hitler-Stalin-Pakt Auslieferung deutscher Antifaschisten an Nazideutschland. Nach 1945 kam kaum eine Familie vollzählig aus der Emigration zurück. Auf die Frage, was das Schwerste in ihrem Leben gewesen sei, antworten alle betroffenen Sowjetemigranten nahezu gleichlautend: Trennung von den Kindern, Verlust der Lebenspartner und Geschwister und Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten bis auf den heutigen Tag.
Mit dem Ende der Emigration begann die Zeit des großen Schweigens, die in der DDR bis zu deren Ende andauern sollte. Für das Schweigen der Opfer stalinistischer Repressalien gibt es viele, auch verständliche Gründe, die hier nicht erörtert werden können. Weit schwieriger ist es, das Verschweigen der Verbrechen durch ihre Verursacher offenzulegen. Der Arbeitskreis hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die Schicksale der verfolgten Antifaschisten zu erinnern und diese Arbeit an der Erinnerung öffentlich zu machen. Es begann mit dem Vortrags- und Gesprächsabend Deutsche Antifaschisten im Gulag im März 2009 mit Frido Seydewitz, dem Ehrenvorsitzenden der VVN-BdA Sachsen. (s.Unser Blatt Nr. 40). Der über 90jährige berichtete über seine zehnjährige Lagerhaft im sibirischen Kolyma und über die Totenstille danach. Im Juni 2010 fand die zweitägige Konferenz Das verordnete Schweigen. Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil statt.[2] Auf beiden Treffen, auch als DVD erhältlich, gab es im Publikum leidenschaftliche Diskussionen, die sich meist um das Verdrängen und Verleugnen der dunklen Seiten des Sowjetexils in der DDR drehten. Der erwartete Widerspruch blieb nicht aus: Schon vor der Tagung, am 16. Juni 2010, hatte die Junge Welt eine ganzseitige Polemik gegen den Begriff „verordnetes“ Schweigen veröffentlicht. Das Presseecho nach der Tagung war durchweg positiv. Aber auch im Nachhinein erreichten die Veranstalter Briefe und „Stellungnahmen“ von VVN-Mitgliedern, die das antifaschistische Erbe und das Ansehen der Sowjetunion bedroht sahen.
Im Dezember 2010 stellte der Arbeitskreis einen Antrag an die Partei DIE LINKE für eine Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus mit dem Text: Ehrendes Gedenken an tausende deutscher Kommunisten und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert und ermordet wurden. Eine Entscheidung steht immer noch aus. In Vorbereitung befindet sich eine deutsch-russische Wanderausstellung Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil. Lebensläufe zwischen den Extremen des 20. Jahrhunderts mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Am 28. Und 29. Oktober 2011 findet das Thema „verordnetes Schweigen“ seine Fortsetzung mit der Konferenz Nach dem Schweigen. Erinnerungsorte, Gedenkbücher, Opferlisten des sowjetischen Exils. Wieschon im letzten Jahr beteiligen sich daran international ausgewiesene HistorikerInnen mit neuesten Forschungsergebnissen, darunter renommierter Forscher aus Moskau und Petersburg. Die Tagung beginnt am Nachmittag des 28.10. mit einer Filmvorführung. Gezeigt wird der Dokumentarfilm Im Schatten des Gulag. Als Deutsche unter Stalin geboren von Loretta Walz und Annette Leo. Acht Frauen und Männer erinnern sich darin ihrer Kindheit in der Sowjetunion und der frühen DDR. Zur erwähnten Parallelität der Lebensläufe kommt eine unvorhergesehene Parallelität bei der Arbeit an der Erinnerung: Aus unserem Arbeitskreis sind Inge und Alex Glesel unter den acht Interviewten – und Karl Fehler, der die Aufführung des Films nicht mehr erleben kann.
Inge Münz-Koenen
[1] Vollständiger Name: „Arbeits- und Gesprächskreis zum Gedenken an die in der sowjetischen Emigration verfolgten, deportierten und ermordeten deutschen Antifaschisten bei der Berliner VVN-BdA“.
[2] Publiziert in der Reihe Pankower Vorträge Heft 148, hg. von Helle Panke.
Eine gekürzte Fassung ist unter dem Titel "Schmerzliche Arbeit an der Erinnerung. Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil: Folgekonferenz im Oktober geplant", in: Unser Blatt, Nr. 47, S. 11, erschienen.
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