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Karl Dietz Verlag Berlin 2006
ISBN 3-320-02905-3
383 Seiten - gebundene Ausgabe
19,90 EUR
Das Vorwort:
Wolfgang Steinitz, 1905-1967: Finnougrist, Volkskundler, Verfasser zahlreicher sprachwissenschaftlicher Arbeiten, auch eines bekannten Russisch-Lehrbuchs und der berühmt gewordenen Sammlung »Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten«, Vizepräsident der Akademie und in vielen anderen wissenschaftspolitischen Funktionen aktiv.
Wer hätte gedacht, dass sich so viele, auch jüngere Menschen, Sprachwissenschaftler, Volkskundler, Soziologen, Historiker, Wissenschaftshistoriker, Freunde der Volksmusik und andere Interessenten aus Anlass seines 100. Geburtstages 2005 zusammenfinden würden, um das Für und Wider eines offenbar sehr lebendigen Erbes zu debattieren?
Anfang des Jahres 2005 stellte Annette Leo ihre Biografie »Leben als Balance-Akt, Wolfgang Steinitz — Wissenschaftler, Jude, Kommunist« vor. Danach gab es mehrere wissenschaftliche Kolloquien und Lesungen, so an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Geisteswissenschaftliche Zentren), an der Humboldt Universität (Institut für Europäische Ethnologie und der Verein »Helle Panke«), in der Leibniz-Sozietät, im Gesprächskreis »Geschichte der Berliner Universitäten« und im Literaturforum im Brecht-Haus. Schließlich fand im Rahmen des internationalen Tanz-und-Folk-Festivals in Rudolstadt (Thüringen) ein Symposium »Die Entdeckung des sozialkritischen Liedes« statt.
All diese Veranstaltungen haben gezeigt, dass Steinitz, obgleich Forscher eines eigentlich engen Spezialgebiets (Ostjakologie), noch heute viel auslöst: Interesse und Neugier auf neue Quellen und Erkenntnisse, Nachdenklichkeit, Einspruch und Zustimmung. Die erstaunliche Resonanz hat wohl mehrere Ursachen. Zum ersten zeugt es von der (heute kaum vorstellbaren) Bandbreite von Steinitz' fachlichen und wissenschaftspolitischen Aktivitäten, wenn einzelne Sparten seiner wissenschaftlichen Erbengemeinschaft jeweils ihren Teil in Rückblick und Ausblick thematisieren. Zum zweiten ist das überaus bewegte Leben dieses deutschen Bildungsbürgers und jüdischen Kommunisten im Wechsel von Aufbruch, Verfolgung, Emigration, Rückkehr und Neubeginn so konflikt- und aufschlussreich, dass es sich wie eine Fallstudie von besonderem Reiz zur Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts ausnimmt. Seine Spuren hinterließ er nicht nur in vielen Fächern, sondern auch in der Kunst des jeweils angemessenen Agierens in verzwickten Strukturen. Zum dritten wirken Steinitz' Arbeiten über die Wissenschaft hinaus auch in Gesellschaft und Politik: vor allem seine Volkslieder demokratischen Charakters wurden zu Texten sozialer Bewegung in Ost- wie in Westdeutschland. All das hat uns zur Herausgabe dieses Sammelbandes bewogen, in dem überarbeitete Vorträge dieser Veranstaltungen und einige andere Arbeiten aufgenommen wurden.
Die Aufsätze wollen bisher vorgelegte Ergebnisse der »Steinitz-Forschung« kritisch weiterführen und neue Wertungen zur Diskussion stellen. Die hier aufgenommenen Einzelbeiträge mit ihren einander ergänzenden Inhalten ermöglichen schließlich den Blick auf eine Wissenschaftlerpersönlichkeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den Widersprüchen und Wendungen einer oft dramatischen Zeitgeschichte. Sie machen auch deutlich, dass das Nachdenken über eine ganze Generation linker Remigranten nach 1945, zu der Wolfgang Steinitz gehörte, noch lange nicht abgeschlossen ist.
Der vorliegende Band ist im Bemühen um ein differenziertes Gesamtbild entstanden. Er zeigt die verschiedenen Facetten des Lebens und Werkes von Wolfgang Steinitz, wobei sein wissenschaftspolitisches Wirken an Universität und Akademie im Vordergrund steht. In diesem Teil richtet sich der Blick auf Slawistik, Volkskunde, Ostjakologie und auf Steinitz' Beitrag zur Geschichte der Akademie als Institution. Abschließend wird den jüdischen Wurzeln der Steinitz-Familie nachgespürt. In einem Anhang werden bisher unveröffentlicht gebliebene Auszüge aus ZK-Reden von Steinitz, ein Brief an das Politbüro des ZK der SED, die erste Veröffentlichung des Fünfzehnjährigen und Auszüge aus privaten Briefen abgedruckt.
Der Titel des Buches wurde der Rede Wolfgang Steinitz' zu seinem 60. Geburtstag entnommen, die in der Anlage 6 des Anhangs auszugsweise enthalten ist.
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