Der Weg in die deutsche Einheit – Wiedervereinigung oder Anschluss.
Dr. Detlef Nakath zu Gast im Marzahner Gesellschaftspolitischen Forum
Dr. Wolfgang Girnus
Auch über zwanzig Jahre nach dem 3. Oktober 1990 bewegt die Frage nach Alternativen auf dem Weg in die deutsche Einheit immer wieder die Gemüter. Ist das „Schnee von gestern“, allenfalls noch eine Frage für Historiker im akademischen Elfenbeinturm? Oder gibt es auch heute noch aktuelle Nachwirkungen?
Der Historiker Peter Bender hat das Motiv für Notwendigkeit der Suche nach Antworten 1999 so formuliert: „Wenn wir in einem gemeinsamen Staat miteinander leben, müssen wir einander kennen, um zu begreifen, warum wir uns in vielem unterscheiden, und in vielem einander gleich geblieben sind. Wir müssen eine Vorstellung von der Geschichte des anderen Staates haben, um zu verstehen, welche Verhältnisse den ‚Wessi’ und welche den ‚Ossi’ hervorgebracht haben. Lernen müssen beide.“ Genau eben das bewegt die Gemüter und deshalb hat Dr. Detlef Nakath seine Forschungsergebnisse im Marzahner Gesellschaftspolitischen Forum vorgestellt.
Dr. sc. phil. Detlef Nakath, Jahrgang 1949, gehört als Historiker zu den ausgewiesenen Experten der neueren deutschen Geschichte, insbesondere der Geschichte der deutschen Außenpolitik. Er ist Autor bzw. Herausgeber zahlreicher Publikationen zur deutschen Zeitgeschichte, darunter: „Von Hubertusstock nach Bonn“ (1995), „Die Häber-Protokolle“
(Berlin 1999, gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan), Protokollband des Außerordentlichen
Parteitages der SED/PDS 1989 (Berlin 1999, gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan und Lothar Hornbogen), Deutsch-deutsche Grundlagen (Schkeuditz 2002) sowie der Handbücher „Die SED“ (1997), „Parteien und Organisationen der DDR“ (2002) und „Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000“ (Berlin 2006, gemeinsam mit Clemens Burrichter und Gerd-Rüdiger Stephan). Dr. Nakath ist Mitglied der Leibniz-Sozietät und Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg.
Dr. Nakath eröffnete seinen Vortrag mit der Frage, ob es sich denn bei der "Wiedervereinigung“ um die Herstellung eines Normalzustandes handelte, wie es uns der politische und historische Mainstream seit 1990 zu suggerieren versucht. Die Antwort: Natürlich nicht! Denn so ein deutsches Staatsgebilde wie das gegenwärtige Deutschland gab in der Geschichte noch nicht, nicht im Mittelalter, nicht zu Kaisers Zeiten, nicht in der Weimarer Republik, nicht in der Zeit des Faschismus, nicht einmal 1945 bis1949 in der Zeit der alilliierten Besatzungszonen. Damit schloss der Referent die These von der Wiedervereinigung als historisch nicht zutreffend aus. Aber es war nach seiner Auffassung auch kein Anschluss, denn am 18. März 1990 votierte das Volk der DDR bei 95 % Wahlbeteiligung mit übergroßer Mehrheit die „Erweiterung der D-Mark-Zone“. Er setzte das Agieren der DDR-Bevölkerung mit der Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe auf den deutsch-deutschen und außenpolitischen Bühnen ins Verhältnis und zeigte einerseits, wie eng das historische Zeitfenster für die deutsch-deutsche Vereinigung war, und andererseits, wie wenig souverän deutsche und andere (ost-)europäische Regierungen diesen gesellschaftspolitischen Umwälzungen gegenüberstanden, im Ergebnis dessen das Ende des alternativen sozialistischen Gesellschaftsmodells in Gestalt des „real existierenden Sozialismus“ besiegelt wurde.
In der anschließenden Diskussion wurde auch die eingangs gestellte Frage nach Alternativen
wiederholt, und ob es dafür überhaupt Spielräume gab. War es nicht doch eine staatlich verordnete Vereinigung „von oben“? Welche Chancen hatte die Verfassung des Rundes Tisches? Sind Innen- und Außenpolitik nicht von der Wirtschaft abhängig? Ja, natürlich gab es Möglichkeiten für Alternativen, aber die Spielräume waren gering, und sie dürfen vor allem nicht durch subjektive Wahrnehmungen und Spekulationen verklärt werden und dadurch vom eigenen Anteil am Zusammenbruch der DDR ablenken. Auch das war ein Fazit dieses Abends.
Dr. Wolfgang Girnus
http://www.dielinke-marzahn-hellersdorf.de/fileadmin/marz-hell/Bezirksverband/MaHeLi/maheli2011_06_web.pdf