Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Intellektuelle in den Wirren der Nachkriegszeit – die soziale Schicht der Intelligenz der SBZ/DDR von 1956-1965

Prof. Dr. Siegfried Prokop zu Gast im Marzahner Gesellschaftspolitischen Forum

Dr. Wolfgang Girnus
Professor Siegfried Prokop hat sich seit Anfang der 80er Jahre mit der Sozialgeschichte der DDR-Intelligenz beschäftigt. Was waren das für Menschen? Wie haben sie sich verhalten? Nach der marxistisch-leninistischen Definition von Klassen und Schichten gehörten sie einer sozialen Schicht an, die beruflich vorwiegend geistige Arbeit leistet und in der Regel eine höhere Schulbildung hat. Innerhalb dieser Schicht wurde zwischen technischer, medizinischer, pädagogischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Intelligenz unterschieden. Aber je nachdem, wo ihr Schreibtisch stand, wurde z.B. das Studium ihrer Kinder gefördert, oder eben nicht.
Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es kaum ein Thema, das von der Politik, aber auch von den Intellektuellen selbst unterschiedlicher wohl nicht dargestellt werden kann. Das Spektrum reicht von idealisierender Verklärung ihrer Rolle beim Aufbau eines alternativen Gesellschaftsmodells mit den Grundwerten Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität bis zur grobschlächtigen Kategorisierung in Täter und Opfer unter einem totalitären Regime, das von Repressalien und Unterdrückung geprägt war.
Der dargestellte Zeitraum fokussierte sich nicht nur auf die geschichtsträchtigen Jahre 1956 und 1961. Die endgültige Abschaffung der 1-Klassen-Schule in der der DDR 1959, verbunden mit der überstürzten Einführung der Polytechnischen Oberschule (POS), und die radikale kapazitive Erhöhung der Studienplätze für den wissenschaftlich-technischen Nachwuchs (von 3 auf 10 Technische Hochschulen), die Flucht des gut ausgebildeten akademischen Nachwuchses in den Westen, die Krise der DDR-Intelligenz durch die sowjetischen Einflüsse des Lyssekoismus und Pawlowismus oder die mögliche Absenkung der Zahl der Hochschulabsolventen 1964, weil es keine „Abgänge“ mehr gab, das alles kennzeichnete diese Periode und prägte das Selbstverständnis der Intellektuellen und ihre geistig-kulturellen Auseinandersetzungen mit dem politischen System in der DDR.
Die angeregte Diskussion nach dem Vortrag bestätigte, dass Professor Prokop ein Thema berührt hatte, das viele Anwesende an ihre eigene Biografie und den eigenen beruflichen
Entwicklungsweg erinnerte – und so auch nicht losgelöst von Emotionen erörtert wurde.
Prof. Siegfried Prokop gibt gemeinsam mit Dieter Zänker im Auftrag des Kulturbundes e.V. seit 2007 „Schriften zur Geschichte des Kulturbundes“ heraus. Im Juni 2010 hatte er im Marzahner Gesellschaftspolitischen Forum mit dem 1. Band die Ergebnisse für die ersten zehn Nachkriegsjahre vorgestellt.

Dr. Wolfgang Girnus

http://www.dielinke-marzahn-hellersdorf.de/fileadmin/marz-hell/Bezirksverband/MaHeLi/maheli2011_06.pdf

Intellektuelle. In den Wirren der Nachkriegszeit.
Die soziale Schicht der Intelligenz
der SBZ/DDR von 1956-1961. Teil II.
Hrsg. von Siegfried Prokop und Dieter Zänker.
Edition Zeitgeschichte Band 49, Bd. II, Kai Homilius
Verlag, Berlin 2011. ISBN 978-3-89706-829-2.

Intellektuelle. In den Wirren der Nachkriegszeit.
Die soziale Schicht der Intelligenz
der SBZ/DDR. Teil I. 1945-1955.
Hrsg. von Siegfried Prokop und Dieter Zänker.
Edition Zeitgeschichte Band 49, Bd. I, Kai Homilius
Verlag, Berlin 2010.
ISBN 978-3-89706-836-0.