Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Prägende Jahre

Kubanerinnen berichteten auf Lesereise über ihre Studienzeit in der DDR

Verona Wunderlich

Von 1961 bis 1989 haben etwa 30.000 Kubanerinnen und Kubaner in der DDR gelebt, studiert und gearbeitet. Gut 20 Jahre nach dem Ende des sozialistischen Staates liegen Erinnerungen aus dieser Zeit in einer Publikation des Karl Dietz Verlages Berlin vor.

Aus Anlass der Veröffentlichung gelang es der Rosa-Luxemburg-Stiftung, zwei der 14 im Buch interviewten ProtagonistInnen nach Deutschland einzuladen und dieses Kapitel der DDR-, Sozialismus- und Kuba-Geschichte in einer Lesereise in den Landesstiftungen in Berlin, Rostock, Kiel, Frankfurt (Oder) und Leipzig sowie auf der Leipziger Buchmesse vorzustellen (Wolf-Dieter Vogel, Verona Wunderlich: Abenteuer DDR. Kubanerinnen und Kubaner im deutschen Sozialismus, Berlin 2011). Gerade in Kiel war es bemerkenswert, dass das überwiegend westsozialisierte Publikum unter 30 Jahren sich diesem für sie doch eher fernen Thema der jüngeren deutschen Geschichte überhaupt nähern wollte. Und so waren einzelne Gespräche, die sich im Café Phollkomplex ergaben, ebenso bereichernd wie das Wiedersehen mit alten Freunden und Kommilitonen der beiden Kubanerinnen in Rostock oder Berlin nach vielen Jahren. Die unterschiedlichen Erfahrungen spiegelten sich auch in den Gästen aus Kuba wider und machten somit die Veranstaltungen besonders lebhaft. Lourdes Serra, die in den 1970er-Jahren an der Hochschule für Ökonomie in Berlin Kybernetik studierte, sprach von einer eher prosperierenden Zeit der DDR, in der sie die besten Jahre ihres Lebens verbracht hat.

Dagegen erlebte Teresa Sánchez, die in den 1980er-Jahren an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin Bildhauerei studierte, um diesen Fachbereich der Bildenden Künste nach Kuba zu importieren‚ die kritischen Diskussionen der späten Jahre der DDR und den «Anfang vom Ende». Nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Kuba sollte die Mauer fallen. Was hat die Kubanerinnen und Kubaner bewegt, damals in die DDR zu gehen? Wie hat sich für sie das Leben in diesem «realsozialistischen Musterland» entwickelt? Wie verlief ihr Leben nach der Rückkehr? Was haben sie mitgenommen aus der DDR? Diese Fragen wurden in den Veranstaltungen gestellt und thematisiert. Und somit ein Teil deutscher Geschichte mit den Augen von BewohnerInnen einer sozialistischen Karibikinsel betrachtet.

So unterschiedliche Phasen sie in der Entwicklung der DDR erlebt haben, so verschieden ist auch ihre Sichtweise auf die Entwicklungen in ihrem eigenen Land, die ebenfalls in den Begegnungen thematisiert wurde. Gemeinsam sind ihnen das Leben prägende, intensive Jahre in der DDR und Freundschaften aus der Zeit, die sie bis heute begleiten. Überrascht hat die beiden, dass viele Besucher der Veranstaltungen ein festes, eher idealisiertes Bild von Kuba haben und eine vorurteilsfreie Sicht sowohl auf die DDR als auch auf Kuba scheinbar eher der jüngeren Generation vorbehalten ist. Warum es denn so weit weg von Kuba in Deutschland offensichtlich so schwer sei eine offene, kritische, differenzierte Diskussion über Kuba zu führen, blieb den kubanischen Gästen schwer verständlich. Diese zu führen wurde als Herausforderung der Stiftung mit auf den Weg gegeben.

Verona Wunderlich

In: ROSALUX. Journal der Rosa Luxemburg Stiftung, Ausgabe 2-2011, S. 27.