Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Jan Koplowitz: REDE VOR DEM VEREIN

1991, gehalten auf der Gründungsversammlung der "Hellen Panke"

Werte Anwesende, Freunde und Gönner, Kritiker und Neugierige, Mäzene und Sponsoren, zukünftige Mitglieder und Mitwirkende eines Vereins zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur – mit dem Namen »Helle Panke«.

Als der würdige bärtige Kulturabgeordnete Dieter Klein, die quicklebendige Philosophin Birgit Pomorin und die warmherzige Juristin Helga Elias an mich herantraten, um mich zur Mitarbeit zu werben, erbat ich mir eine ausführliche Bedenkzeit.

Das hatte nicht nur mit einem beginnenden Augenleiden zu tun.

Mich bremste die Frage nach meiner Mitverantwortung nach 40 Jahren DDR. Und deshalb bitte ich Sie, meine Worte als individuelle Äußerungen zu betrachten. Aber diese Frage beschäftigt mich ständig, mahnend und bohrend.

Und das nach einer stürmischen, kämpferischen Jugend, nach Gefängnis, Illegalität, Konspiration, dem Erleiden eines Schädelbruchs durch braune Stahlrutenträger (um das unsägliche Nazi«nach«wort Träger«, das wie eine Seuche in unserer Umgangssprache grassiert, zu bemühen). Dann kam Exil, Internierung, das Brot der fremden Länder – bis zur Heimkehr. Aber die Frage, die mich quälte, blieb.

Das gilt auch für uns alte Antifaschisten. Denn etwas sollten wir, bei aller Würdigung des Antifaschismus wahrhaftig gelernt haben: Ein Antifaschist ist nicht der Rentner seiner Vergangenheit. Solange er lebt, wird er danach beurteilt, was er jetzt und hier tut, und wie er es tut.

Wir haben – Ausnahmen bitte ich, sich nicht betroffen zu fühlen – zu wenig gefragt, wir haben zu wenig gesagt, wir haben zu wenig gezweifelt, wir haben zuviel geglaubt, wir haben zu eng geforscht, wir waren denkfaul – oder besser nachdenkfaul –, wir waren zu schüchtern, um mit unseren Oberen zu streiten, nicht einmal unter uns ging das gut, wir haben die innere geistige Disziplin zu einer äußeren drakonischen verkommen lassen. Wir haben, überzeugt davon recht zu haben, anderen unrecht getan.

Wir haben zu wenig über Mauern und Grenzen geschaut und geduldet, daß man es uns verbot. Wir sind der Gewöhnung, der Zufriedenheit mit dem Mittelmaß anheimgefallen.

Wir haben die Mutter Courage gespielt, aber nicht besessen und wenn, in unseren Büchern, dann zu leise. Zwar kritisch, doch in der Sprache der Märchen, der Gleichnisse, der Mythen und der biblischen und anderen zur Durchsichtigkeit bestimmten Stoffen.

Also habe ich mir gesagt: Wenn ich noch einmal in einen Verein hineingehe, dann muß ich aus unserem vergangenen Leben lernen, Bescheid zu wissen und Bescheid zu stoßen. Ich muß fragen (da gibt es noch so ein scheußliches Neuwort »hinterfragen«, genau so schlimm wie »andenken« oder jemanden »anschreiben«). Ich muß zweifeln dürfen und hartnäckig darauf beharren, daß mir meine Zweifel genommen oder bestätigt werden. Ich muß den kultivierten Streit lernen, wie man miteinander auskommt, auch wenn es heiß hergeht. Ich muß das Lachen wieder lernen, das echte, nicht das bäuchige Lachen oder das selbstzufriedene Grinsen, jenes Lächeln, das vom Kopf herkommt.

Den Spaß an neuen Ideen, Projekten und Strukturen, das sind übrigens zwei Worte, die wir 40 Jahre in unserer Umgangssprache nicht benutzt haben. Sie waren den Wissenschaften vorbehalten. Das stimmt doch? Nicht wahr! Euch Jungen muß das lächerlich vorkommen.

Wir müssen in die Geheimnisse der Wirtschaft, der Ökonomie hineindringen, die vielen verschlossen blieben oder verschleiert. Wir wollen sie enthüllen und begreifen. Und die Abwehr gegen die Willkür der Bürokratie lernen, indem wie uns auskennen im Fangnetz der Gesetze. Auch die Politik sollten wir für viele leicht verständlich durchschauen üben. Und Träumen muß ich dürfen. Vorausschauend träumen, Utopien durchdenken und überlegen: denn vor der Realität kommt die Utopie. Und wenn das alles zur Demokratie gehört, dann bin ich für die Demokratie.

Da wäre noch viel mehr zu fragen, zu sagen und zu fördern, auch von und für unseren Verein, aber ich darf das alles weglassen, weil es in der Vorstellungs- und Absichtserklärung zur Arbeit unseres Vereins bereits gedruckt zu lesen ist.

Um nur einiges zu nennen: Wirtschaftspolitik – Diskussion zu Alternativkonzepten – das Gesicht und die Probleme Europas – scharfe Blicke über Deutschland hinaus und hinweg, in die Welt – wissenschaftliche Kolloquien und die Erörterung psychologischer, soziologischer, sozialer Fragen.

Eine kommt gewiß auf uns zu, bei der zu erwartenden Steigerung der Arbeitslosigkeit, der Problematik, die damit zusammenhängt. Theoretische und fachliche Diskussion zu allgemein wissenschaftlichen Themen. Bildende und angewandte Kunst, wobei ich mir schon lange den Kopf darüber zerbreche, worin der Unterschied besteht. Ich kenne nur gute und schlechte. Literatur und Poesie bitte nicht vergessen.

Die Absicht ein speakers-corner einzurichten, hat mich aus zwei Gründen fasziniert. Ich habe am Marble Arch in London, eben am Hyde Park Corner, selbst auf einer Leiter gestanden, die oberste Sprosse ein Lesebrett, und mitten im Krieg über den Widerstand der Illegalen im dritten Reich gesprochen. »Allies inside Germany« war mein Thema.

Und zum zweiten habe ich hergeleierte und herausgeschriene, stereotypen, langweiligen, gleichförmige, aus einem engen Politvokabularium gequetschte, abgeschriebene und abgelesene Reden satt bis zum Hals.

Das britische Empire hatte für sein riesiges Kolonialreich eine Sprache entwickelt, die aus wenig mehr als fünfzig Worten und Hilfsverben bestand. Eine Befehls- und Kom man do sprache in der die »Eingeborenen« und die Kolonialbeamten sich verständigten. Sie nannten es Pidgin-Englisch. Auch wir hatten so ein primitives Politvokabularium – ein Pidgin-German –, in dem wir von Redetribünen agitiert wurden und unsere Festtagsredenverfassser, unter denen auch Schriftsteller gewesen sein sollen, hatten ihre liebe Mühe, Stroh in Fleisch zu übersetzen.

Und deshalb sollten wir unbedingt einen Kursus für Rhetorik, für die freie Rede und für die Debattenkunst einrichten, damit die Menschen lernen, ihre eigene Meinung verständlich sagen zu lernen. Daneben existieren in unserer Vorstellung Lesecafé, Buchclub und Büchersammlung und ein Freundschaftskreis der Lesenden und Schreibenden mit guten Mentoren und beratenden Schriftstellern für jene, die glauben, Talent zum Schreiben zu haben. Und das alles soll nicht unentgeltlich sein, außer für Jugendliche, Arbeitslose und Rentner. Denn Kultur darf ruhig etwas kosten. Auch um den Konsumenten etwas wert zu sein. Das haben wir 40 Jahre lang vergessen.

Damit man sich nicht isoliert und das Fahrrad Dutzende Male neu erfindet, wird der Verein zusammenarbeiten und Kontakt halten zu Pankower Einrichtungen, dem Buschhaus (es ist bekanntlich inzwischen geschlossen worden und soll in einen Baumarkt verwandelt werden ... ), der LISA, zu Gewerkschaftsgruppen und Parteien, zu Künstlern und Schriftstellern, zu Runden Tischen und grünen wie alternativen Gruppierungen und vielen mehr. Es soll das alles aber nicht tierisch ernst sein, sondern in allen Varianten Spaß machen. Und mit Spaß meine ich besinnliches Vergnügen, Freude auch am Sprachflorett. Ich kann das nicht alles aufzählen und würde vorschlagen, daß die Initiatoren der Vereinsgründung über ihre mit Phantasie und Fachwissen ausgezeichneten Überlegungen selbst referieren. Sie können es sicher besser als ich, sie sind, wie man falsch zu sagen pflegt, in der »Materie«.

Aber über allem sollen jene großen Ziele stehen, die unsere freiwillige Haltung und das herzliche Bemühen darum nötig haben, und die wir auch üben müssen:

Toleranz, Humanismus, Solidarität.

In einem Literaturclub am Mehringdamm, wo ich auch meine Kollegen Karl Mickel, Kirsch und Czechowski traf, wurde ich zu einer Lesung eingeladen. Ich hatte ein »volles Haus«. Aufmerksamkeit und Konzentration waren ermutigend, aber danach versuchte ein etwas angegangener Teilnehmer, mich ziemlich grob zu attackieren. »Was ist euch politischen Ossis denn geblieben, von eurer linken Herrlichkeit? Ihr steht doch nackt im Regen! Eure Säulenheiligen sind abgewrackt. Wofür lohnt es noch sich abzustrampeln? Sagt doch lieber Konkurs an.« Ich gab zur Antwort: Übrig geblieben! Die Losungen der großen Französischen Revolution »Égalité – Liberté – Fraternité». Heute der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, um Frieden der Welt, gegen Rassismus, Fremdenhaß und Antisemitismus, gegen den Hunger und die Rückständigkeit der dritten Welt, gegen die für die Industriestaaten billige Ausbeutung ihrer Ressourcen.

FÜR die Rechte der Frauen, für eine Umwelt, die nicht umfällt, für die gute Nachbarschaft, Wärme und Freundlichkeit unter den Menschen aller Couleurs. Und den Sozialismus, einen echten, neuen breiteren, umfassenden, einen demokratischen, haben wir noch nicht als verloren aufgegeben. Und den Karl Marx nicht ganz abgewrackt. Und all das zusammen lohnt heute noch jeden Tag und ein Leben.

Es war sehr nachdenklich still als ich aufhörte, und dann klatschten die Leute Beifall.

Toleranz. Ich hatte in meiner Jugend ein recht zwiespältiges Verhältnis zur Religion und ihrer Gemeinde. Vielleicht weil über mich – ich war damals ein junger Bursch – mit den dazu notwendigen zehn Gläubigen das Totengebet, der Kaddisch gesagt wurde. Ein orthodoxjüdischer Brauch gegen Abtrünnige des Glaubens, der mir durch meine ganze Jugend zu schaffen machte, wie jetzt wieder.

Aber dafür hatte ich in der Emigration ein anderes Erlebnis. Ein Pastor der böhmischen Brüdergemeinde rettete nach dem Einmarsch der Nazis 35 Kommunistenkinder der Emigranten vor dem Zugriff der Braunen, indem er sie in eine katholische Wallfahrtsprozession hineinschmuggelte und so aus der Gefahrenzone herausbrachte. Ich habe dieses Erlebnis in einer Erzählung und einem Fernsehspiel dem Vergessen entrissen. Das Fernsehspiel gedieh bis zum Szenarium, wurde jedoch schließlich von der Intendanz abgelehnt, weil der Inhalt »nicht typisch« sei. Da hatten sie eines nicht gewußt: Die britischen Quäker waren die Vermittler bei der illegalen Evakuierung der politischen Emigration aus der CSFR.

Und wer von Ihnen, von uns, vergißt die Hilfe der Kirchen bei den Bittgebeten um den Frieden und um die gewaltlose friedliche Auseinandersetzung im Jahre 1989, die klug vermittelnde und zu vernünftigen Diskussionen, Übereinkünften führende Einwirkung der Kirchenleute unter den verschiedenen Partnern der Runden Tische. Vom Stadtteil bis zur Länderkette. Die friedliche Diplomatie hat mir große Hochachtung für Pastoren und Pfarrern und Theologen beigebracht, ebenso wie die aufrechte, integre Haltung des Rektors der Humboldt-Uni Professor Heinrich Fink in Sachen Wissenschaft und Lehre.

Und noch etwas hat mich das Leben gelehrt. In 82 Jahren beißt man ein ganz schönes Stückchen Geschichte ab. Jetzt weiß ich, für mich fängt die Linke schon bei den ehrlichen Liberalen vom Kaliber Heuss an, es muß ja nicht gleich der Graf sein.

Die Gewerkschaften gehören dazu, als Repräsentanten der Arbeiterinteressen, und die SPD, alle Gruppen gehören dazu, die eine neue bessere Welt im Visier haben, und alle vernünftigen Bürger gehören zur Linken, die mit uns diskutieren, streiten, einen Konsens suchen, ein Kompromiß, der weiterführt.

Selbst bei den Konservativen und der Rechten sollten wir einen Unterschied zwischen Weizäcker, Kohl und Schön huber begreifen und nutzen. Und ich möchte, daß dies alles auch in meinem Verein diskutiert und verarbeitet wird und, wenn sie wollen, in unserem.

Ich warne Sie! Wenn ich in eine Position gewählt werde, dann nicht als Repräsentant meines Berufes, als Namensgeber, dann mische ich mich ein und mische mit – wie der Pankower sagt, »volle Pulle« – und mit der ganzen Verantwortung für die gute Aufgabe. Und weil das so ist, wünsche ich uns Erfolg und Ihnen eine helle Panke.

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