Der 125. Geburtstag von Georg Lukács (13.4.1885 bis 4.6.1971) war willkommener Anlass für die von der Helle Panke e.V. Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin und der Internationalen Lukács-Gesellschaft organisierte Tagung (23. und 24. April), erneut nach Antworten auf die Frage zu suchen: Ist der Sozialismus noch zu retten?
Vor neun Jahren, anlässlich des dreißigsten Todestages des Philosophen, hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen den Versuch unternommen, dessen Überlegungen zu einem ungelösten Problem, damals ging es um das Verhältnis von Sozialismus und Demokratie, zu rekonstruieren.[1]
Lukács, geboren in Budapest, aus großbürgerlicher Familie stammend, hatte als Theoretiker den Weg vom »idealistischen Philosophen« zum »Marxisten« zurückgelegt. »Der Krieg verursachte eine tiefe Krise in meiner ganzen Weltanschauung«, schrieb er im Dezember 1940, »die erst durch die russische Revolution von 1917 zur Klärung kam. Ich studierte in dieser Zeit eingehend die Werke von Marx und näherte mich immer mehr zu dessen Standpunkt. Im Dezember 1918 trat ich in die Kommunistische Partei Ungarns ein. […] Im Laufe des eingehenden Studiums der Werke von Marx, Engels, Lenin und Stalin, im Laufe meines innigen Verwachsens mit der ungarischen Arbeiterbewegung gelang es mir allmählich, meine idealistischen Fehler zu überwinden. Schon 1924 trat ich in der ungarischen Partei mit großer Schärfe gegen den Trotzkismus auf und bekämpfte seitdem alle anderen Abweichungen, die in dieser Zeit in der Komintern aufgetaucht sind.«[2] Lukács hat die Rituale der kommunistischen Bewegung gekannt, befolgt und beschrieben, ohne sich zu verbiegen. Dass er das Moskauer Exil und die Einbestellung in das Hauptquartier des NKWD im Juli 1941 überlebte, kommentierte er in seinen späteren autobiographischen Aufzeichnungen mit dem Hinweis auf das »Glück in Katastrophenzeit«.[3]
Sein Leben und Werk spiegeln die Erfahrung einer Generation, dass Demokratisierung im Sozialismus und eine Renaissance der Marx’schen und Lenin’schen Methode nur dann von Erfolg gekrönt sind, wenn sie mit der Kritik am Stalinismus einhergehen. Lukács’ Opponenten waren sich immer darüber im Klaren, welche Gefahr von seinen Schriften ausgeht. So erschien 1960 im Aufbau Verlag ein Sammelband, der als »Streitschrift gegen die revisionistischen Anschauungen des bekannten ungarischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers« angelegt war. 1985 bliesen die Kaderphilosophen ein letztes Mal zur Treibjagd. Mit der »Ontologie« sei Lukács wieder auf die Positionen von »Geschichte und Klassenbewusstsein« zurückgefallen, warnten sie und versuchten, Lukács auf Lenin zurückzuführen. Lukács’ ungarische Schüler hingegen kritisierten sein Werk als prämodern und damit untauglich für die Analyse von »die soziokulturelle Entwicklung prägenden Tendenzen der Pluralisierung, Differenzierung und multidimensionalen Verflechtung sozialer Prozesse«[4].
Es war nicht diese Polarisierung, die die Berliner Tagung prägte. Die Hinwendung zum »politischen Lukács« der 1920er und 70er Jahre verbanden die Referenten und Diskutanten, unabhängig davon, welche Schaffensperiode sie als interessantere einschätzten, mit dem Versuch, das herauszuarbeiten, was heute noch politisch und methodologisch tradierbar ist.
1924 spitzten die einen zu, ist Lukács genau genommen »gestorben«. Und wenn nicht gestorben, dann »marxismusbedingt« jedenfalls sehr schnell gealtert. Gerade deshalb ist das Spätwerk ja so interessant, sagten die anderen.
Auffällig war, dass sich alle Referenten auf Lukacs’ anregende Analysen von Krisenmomenten, Umbrüchen, Ausgangspunkten neuer Entwicklungen bezogen. Neben der Analyse des jeweiligen »Neubeginns« von 1914 über 1928 bis 1968 trat das Problematische des für Lukács typischen Versuchs, die Totalität entweder in der Logik Lenins oder der Luxemburgs zu denken, deutlich hervor. Im Zusammenhang mit der Frage, ob eine andere Welt tatsächlich möglich ist, ging es um die Organisationsfrage, um das Verhältnis von Demokratie und Macht, um Alternativen und Utopien. Lukács’ Werk bleibt in Anbetracht der Entleerung der demokratischen Formen in dem Nachdenken über Bündnisse, über eine Koalition der Vernunft und die bestehende Wirtschaftsformation aktuell.
Mit Blick auf die unterschiedliche Ost-West-Erfahrung der Tagungsteilnehmer war es außerordentlich interessant und anregend, zu vergleichen, durch »welche Brille« wann und was von Lukács in Ost und West gelesen worden ist. Die Veranstaltungen 2001 in Leipzig und 2010 in Berlin fielen in eine Zeit, da die PDS bzw. DIE LINKE über ihr Programm diskutierte bzw. diskutiert. Dass ein Blick in Lukács’ Oeuvre – von »Geschichte und Klassenbewusstsein« über die Blum-Thesen bis hin zur »Ontologie« – lohnt, hat die durch eine hohe Diskussionskultur kontroverser Standpunkte geprägte Tagung erneut unter Beweis gestellt. Ein Grund mehr, die Tagungsmaterialien zu publizieren.
[1] Werner Jung und Antonia Opitz (Hrsg.): Sozialismus und Demokratie. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Leipzig 2002.
[2] Georg Lukács: Lebenslauf. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 48(2000)3, S. 529.
[3] Georg Lukács: Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog. Frankfurt am Main 1981, S. 272.
[4] Udo Tietz: Demokratietheoretische Defizite in der Demokratietheorie, in: Werner Jung und Antonia Opitz (Hrsg.): Sozialismus und Demokratie, a.a.O., S. 50.
Wladislaw Hedeler
In: Disput, Mai 2010, S. 41.
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