Zunächst ist erfreut zu konstatieren, dass es den Autorinnen der Widerstandsausstellung gelungen ist, sie auch in diesem Jahr wieder an mehreren Orten besuchen zu können. So wurde sie vom 15. Januar bis 12. Februar in den Räumen des Rathauses Berlin-Lichtenberg gezeigt, danach wandert sie in ein Oberstufenzentrum in Berlin-Zehlendorf. Gerade den Arbeiterwiderstand gegen die NS-Schreckensherrschaft auch der jüngeren Generation ins Gedächtnis zu rufen, ist sehr wichtig, da er in der Öffentlichkeit wie auch im Schulunterricht im Vergleich zum Widerstand anderer sozialer Schichten – vorsichtig formuliert – etwas unterbelichtet wird. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Ausstellungsorte folgen werden, auch über Berlin hinaus.
Wenden wir uns nun der hier zu würdigenden Konferenz zum Berliner Arbeiterwiderstand zu. Sie hatte mit weit über 100 Teilnehmern – darunter waren viele jüngere Interessenten – ein großes Echo gefunden. Zu ihrem hohen Ertrag trugen die Referentinnen und Referenten (sowohl erfahrene als auch erfreulicherweise jüngere Forscherinnen und Forscher), aber auch die zahlreichen sachkundigen DiskutantInnen bei.
Am ersten Konferenztag stand ein von Heiner Wörmann (Arbeit und Leben) moderiertes Podiumsgespräch auf der Tagesordnung. Experten der Widerstandsforschung wie Johannes Tuchel (Gedenkstätte Deutscher Widerstand), Hans Coppi (Vorsitzender der Berliner VVN-BdA), Stefan Heinz (FU Berlin), Gisela Notz (freiberufliche Historikerin) und Rüdiger Lötzer (IG Metall Berlin) erörterten die Fragestellung, ob der Arbeiterwiderstand ein Desiderat der Widerstandsforschung sei. Es bestand Übereinstimmung darüber, das eine unverkennbare Diskrepanz zwischen den gewichtigen Veröffentlichungen zum Arbeiterwiderstand gerade auch im Berliner Raum (ausdrücklich wurde in diesem Kontext auf die Publikationen von Hans-Rainer Sandvoß, Die „andere Reichshauptstadt“. Widerstand aus der Arbeiterbewegung von 1933 bis 1945 und Ursel Hochmuth, Illegale KPD und Bewegung „Freies Deutschland“ in Berlin und Brandenburg 1942 -1945, sowie auf die an der FU Berlin - Fachbereich Politische Wissenschaften - unter der Leitung von Professor Siegfried Mielke auf den Weg gebrachten und publizierten Forschungsarbeiten zum gewerkschaftlichen Widerstand hingewiesen) und ihrem geringen Bekanntheits- und Verbreitungsgrad bestehe.
In den Schulbüchern werde zur Widerstandsproblematik fast ausschließlich die Verschwörung des „20 Juli“ und die Gruppe „Weiße Rose“ behandelt. Wie die Arbeiterbewegungsgeschichte insgesamt sei auch der Arbeiterwiderstand aus der Lehre und Forschung an den Universitäten und Hochschulen weitestgehend eliminiert. Daraus ergebe sich notwendigerweise, die vorliegenden beachtlichen Forschungsergebnisse viel mehr als bisher einer größeren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Die Podiumsrunde forderte dazu auf, in der Widerstandsforschung nicht nachzulassen. Dazu böten gerade die seit zwei Jahrzehnten zugänglichen neuen umfangreichen Archivquellen in den neuen Bundesländern günstige Voraussetzungen.
Am zweiten Tag befasste sich die Tagung mit unterschiedlichen Seiten, Inhalten , Strukturen und Protagonisten des Arbeiterwiderstandes gegen die Naziherrschaft. Den Reigen eröffneten Marion Goers und Stefan Heinz mit ihren Beiträgen zum gewerkschaftlichen Widerstand. Erstere verdeutlichte die Vielfalt und die weitgehende Konstanz des widerständigen Verhaltens von ehemaligen Mitgliedern des ehemaligen freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), der vor 1933 weltweit zahlenmäßig größten Gewerkschaft. Heinz wandte sich einer anderen gewerkschaftlichen Widerstandsstruktur zu. So zeigte er die bis Ende 1934 erfolgreichen Bemühungen des verbotenen kommunistischen Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB), die Tätigkeit der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) – ihr gehörte der EVMB vor 1933 an – auch unter illegalen Bedingungen (es wurden bis zu 1.000 Mitglieder einbezogen) aufrechtzuerhalten.
Das Konferenztableau wurde mit dem antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges fortgesetzt. Henrik Wiepert umriss die Ziele und Aktivitäten der Widerstandsorganisation um Robert Uhrig, die Verbindungen zu Widerstandsgruppen in deutschen Großstädten und des Auslandes aufbaute. Er berichtete dem Forum, dass die Uhrig-Organisation nach neuesten Forschungen 260 Mitglieder, sie hatten vorrangig der KPD, SPD oder den Gewerkschaften angehört, umfasste.
Anette Neumann und Bärbel Schindler-Saefkow ließen in ihrem Diskussionsbeitrag die Neuorganisation im kommunistischen Widerstand in der Endphase des Krieges am Beispiel der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation sichtbar werden. Sie legten dar, wie sich diese in jener Zeit zu einer der größten Berliner Widerstandsgruppen entwickelte, wie sich vor allem die kommunistischen Funktionäre Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein bemühten, ein breit gefächertes Widerstandsnetz von Regimegegnern unterschiedlicher politischer und politischer Orientierung zu installieren. Für ihr Ziel „Weg mit Hitler – Schluss mit dem Krieg!“ gewannen sie neue Mitstreiter in Berliner Betrieben, unter deutschen Soldaten, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, auch in anderen deutschen Städten und Regionen und im Ausland.
Die Bemühungen, über Kontakte und Verbindungen zu kommunistischen Widerstandsgruppen und –organistionen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Widerstandsnetze und –strukturen über die deutsche Reichshauptstadt hinaus zu aktivieren, wie auch die Versuche, Kontakte zu sozialdemokratischen und bürgerlichen Regimegegnern aufnehmen, bezeugt, wie Neumann und Schindler hervorhoben, eine neue Herangehensweise im kommunistischen Widerstand. Als ein Beispiel dafür offerierten sie die mit Billigung Stauffenbergs erfolgte konspirative Begegnung der Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein mit Saefkow und Jacob am 22. Juni 1944 zur Auslotung von Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit im Kampf gegen die Nazidiktatur, ein bemerkenswerter Vorgang im Umfeld des „20. Juli“. Herausgearbeitet wurde ebenfalls, dass sich die Widerstandsorganisation um Saefkow, der über 500 Männer, Frauen und Jugendliche angehörten, als Teil des im Juli 1943 gegründeten Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) betrachtete und in den folgenden Monaten zunehmend eigene Vorstellungen von der illegalen antifaschistischen Arbeit entwickelte, auch für den politischen Neuanfang nach der Beseitigung der Nazidiktatur.
Auf der Grundlage seiner jahrelangen Forschungen verdeutlichte Rainer Sandvoß die Spezifika des sozialdemokratischen Widerstandes. Er ging unter anderem auf die Kontakte zu antifaschistischen Arbeitern mit Hilfe von DMV-Kadern, auf das informelle Netzwerk unter parteitreuen Funktionären sowie auf die Verbindungen zu bürgerlich-militärischen NS-Gegnern über den Kreisauer und den Goerdeler Kreis ein.
Den Abschluss der Konferenz bildeten zwei Workshops. Zum Widerstand von Trotzkisten, Anarchisten, oppositionellen Kommunisten und Sozialisten. sprachen Knut Bergbauer, Robert Keim, Benjamin Rostalski und Sven Schneider und wiesen in diesem Zusammenhang nach, dass diese – wenn auch in kleineren Gruppen organisiert – es mit viel individuellem Einsatz erreichten, ihre illegalen Strukturen oftmals auch über eine längere Zeit zu erhalten. Im zweiten Werkshop diskutierten die Teilnehmer nach Ausführungen von Thomas Irmer, Cord Pagenstecher und Gisela Wenzel überdas Protestverhalten von Zwangsarbeitern, die Solidarität von Hitlergegnern mit Zwangsarbeitern beziehungsweise deren Einbeziehung in oppositionelle Aktivitäten.
Die hier besprochene Konferenz leistete vorrangig einen wichtigen Beitrag zur öffentlilichen Würdigung des Berliner Widerstandes aus der Arbeiterbewegung und dem sie umgebenden Milieu gegen den deutschen Faschismus in dessen Hochburg. Zugleich rückte sie damit den gesamten deutschen Arbeiterwiderstand, der den größten Anteil im Kampf gegen die faschistische Diktatur hatte und die größten Opfer brachte, wieder mehr in das öffentliche Bewusstsein. Das betrifft auch die Rolle der Frauen im antifaschistischen Widerstand, die bislang noch immer unterschätzt wird. Eine ganze Reihe von Antifaschistinnen, aber auch von Antifaschisten wurden durch die Tagung dem Vergessen entrissen. Überzeugend wurde der tätige, handelnde und somit auch bewusste Charakter des Arbeiterwiderstandes sichtbar. Die Zivilcourage, der Mut, die Opferbereitschaft, die Menschlichkeit und Solidarität von Menschen, die sich gegen den Hitlerfaschismus, dessen Demokratie- und Kulturfeindlichkeit, Intoleranz und Menschenverachtung und Antisemitismus, gegen dessen Unterdrückung, Verfolgung und Mordterror, für die Wiederherstellung der demokratischen Grundrechte und der Menschenwürde, die Beendigung des Vernichtungskrieges und den Sturz der Nazidiktatur auf unterschiedliche Weise entschlossen zur Wehr setzten, wurde an vielen Beispielen deutlich. Erfreulich, dass auch jüngere Kolleginnen und Kollegen ihre Forschungsergebnisse zum Arbeiterwiderstand vorlegten und damit die Hoffnung besteht, dass die Widerstandsforschung auch in Zukunft kontinuierlich weitergeführt werden kann. Die Konferenzbeiträge werden, zusammen mit weiteren Studien zum Forschungsgegenstand, im Berliner Dietz Verlag publiziert werden.
Dr. Rainer Holze
Rundbrief 1-2/10; Aktuelles zu Rechtsextremismus und Antifaschismus. Hrsg. AG Rechtsextremismus/Antifaschismus beim Bundesvorstand der Partei DIE LINKE, S. 65-66.
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