Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Heft 143: Der „Große Vaterländische Krieg“

Neue Sichten und Einsichten in Russland und seiner Geschichtsschreibung

Horst Schützler

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 143, 2010, 68 S., A5, 3 Euro plus Versand

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Rückblick in die Geschichtsschreibung
Die erste Etappe – die stalinsche Prägung
Die zweite Etappe – „Tauwetter"
Die dritte Etappe – Erstarrung
Die vierte Etappe – Paradigmenwechsel

Der „Große Vaterländische“ – im heutigen Russland
Begriffsbild und Herangehen

Vorabend und Anfangsphase des Krieges 1939–1941
Präventivkriegsdiskussion und Katastrophendebatte Präventivkriegsdiskussion Nichtangriffspakt, Okkupationen, sowjetisch-finnischer Winterkrieg
Überfall, Existenzkampf und Katastrophendebatte
Repressalien und diktatorische Macht

Weiterer Kriegsverlauf und das Kriegsende in Deutschland

„Alles für die Front“ – das Hinterland

Kirchenpolitik
Hilfe der Alliierten – Lend-lease
Kriegsalltag – Mensch und Gesellschaft im Krieg

Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Heimkehrerschicksal
Okkupation. Partisanenbewegung. Kollaboration
Quellen, Preis und Früchte des Sieges
Der „Große Vaterländische“ und Patriotismus heute

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Vorwort

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 zündete Hitler die Brandfackel des Krieges in Europa, der zum Weltkrieg wurde und der Menschheit ungeheure Opfer abforderte.

Am 22. Juni 1941 begann für die Menschen und Völker der Sowjetunion der „Große Vaterländische Krieg“ gegen das faschistische Deutschland und seine Verbündeten. Er entschied nicht nur über Leben oder Tod der UdSSR und Millionen ihrer Bürgerinnen und Bürger, sondern auch wesentlich über das Schicksal des deutschen Volkes und anderer Völker.

Vor 65 Jahren – mit dieser Angabe ist in Russland ein geballter Rückblick auf den Großen Vaterländischen Krieg verbunden, auf den Überfall Hitlerdeutschlands am 22. Juni 1941 und die Stationen der Erinnerung: an die Moskauer, Stalingrader und Kursker Schlacht, an die Befreiung Leningrads, die Angriffsoperationen des Jahres 1944 und die Schlacht um Berlin im April/Mai 1945. Dieser Rückblick dürfte im Mai dieses Jahres mit dem Jubiläum des Sieges der Alliierten und der Befreiung Deutschlands in entsprechenden Feierlichkeiten und Ehrungen sowie in der stillen Erinnerung der sich nicht zu öffentlichem Wort meldenden Akteure seinen Höhepunkt finden.

Ich bin im letzten Jahrzehnt mit meinen begrenzten Möglichkeiten als „Historiker im Ruhestand“ anhand der in Deutschland erschließbaren Materialien der Fragestellung nachgegangen: Was denkt und schreibt man im heutigen Russland über den Großen Vaterländischen Krieg?

Die erarbeiteten Sichten und Einsichten sind Einblicke, die immer wieder der Weiterführung und Vertiefung bedürfen. Erstmals habe ich zum 60. Jahrestag des Sieges und der Befreiung Ergebnisse meiner Untersuchungen vorgelegt. In Fortführung dieser Arbeit halte ich es für angebracht, aufschlussreich und notwendig, zum 65. Jahrestag Interessierten die oft unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Wahrnehmungen zu diesem Krieg in jenem Land zu unterbreiten, dessen Bevölkerung an der ersten und wichtigsten Front des Zweiten Weltkrieges den größten opferreichen Anteil am Sieg über den Faschismus und die Befreiung Deutschlands hatte.