Mit dem italienischen Neomarxisten sprach mit Unterstützung der Dolmetscherin Stefania Maffeis dieser Tage in Berlin Karlen Vesper.
Nun ist der Kapitalismus nicht kollabiert, wie von Feuilletonisten mit Ausbruch
der Finanzkrise schon orakelt worden ist?
Der Kapitalismus in seiner neoliberalen Form ist am Ende. Das ist
offensichtlich. Er steckt in einer tiefen Krise und sucht nun nach neuen Formen
der Macht.
Einstige Verfechter des Neoliberalismus fordern jetzt stärkere staatliche
Interventionen.
Um die Allmacht der Märkte etwas zu dämpfen. Man weiß aber noch nicht, wie
weit diese staatlichen Interventionen in der Ökonomie gehen dürfen. Man hat
noch keine Orientierung. Wirklich bedeutsam ist, was Barack Obama in den
USA mit der Gesundheitsreform versucht. Sie zielt auf zentralistische
Stabilisierung und auf Welfare, Wohlfahrt. Sie ist wichtig, denn sie schafft
Mobilität für die gesellschaftliche Produktivität.
Und derart kommt der Kapitalismus wieder auf die Beine? Kann so die vom
unproduktiven, spekulierenden Finanzkapital ausgelöste Krise überwunden
werden?
Das Finanzkapital ist keines wegs unproduktiv, im Gegenteil, sehr produktiv.
Das Problem ist, dass es unfähig ist, die gesellschaftliche Produktivität zu
verstehen. Der industrielle Kapitalismus hat diese noch sehr gut verstanden. Er
wusste, wie die Arbeitszeit einzuteilen, wie die Arbeiterkasse auszubeuten ist.
Er hatte ein genaues Maß vom Anteil notwendiger Arbeit und Ausbeutung der
Arbeit. Das Finanzkapital hat die Verbindung zum Ort der Arbeit verloren und
damit das Maß von gesellschaftlicher Arbeit. Das hat den Finanzkapitalismus in
Schwierigkeiten gebracht. Es müssen politische Formen der Vermittlung
zwischen Finanzkapital sowie gesellschaftlicher Arbeit und gesellschaftlichem
Reichtum gefunden werden.
Wenn der Staat wieder stärker in die Ökonomie eingreift, sollten wir da unsere
alten Stamokap-Hefte der 70er Jahre respektive unsere Lenin-Exzerpte wieder
hervorkramen? Zum Studium des Staatsmonopolkapitalismus?
Die Imperialismusanalyse von Lenin war zu seiner Zeit stimmig. Heute haben
wir die Einheit des kapitalistischen Projekts auf globaler Ebene, keine nationale
Grenzen kennend. Die Globalisierung des Finanzkapitals hat zu einer
Finanzialisierung der Welt geführt. Alle sozialen Beziehungen und nicht nur die
Produktionstätigkeit werden über die Banken vermittelt und abgewickelt. Ich
nenne das den »Kommunismus des Kapitals«, in Anlehnung an Karl Marx, der
in seinem »Kapital« die Aktiengesellschaften den »Sozialismus des Kapitals«
nannte. Gesellschaftliche Ersparnisse werden im Finanzprozess absorbiert.
Was kann man dagegen tun?
Man muss sich der Macht der Banken und Börsen widersetzen.
Wie denn?
Indem man gegen die Immobilienrendite kämpft, gegen die Zinsen, gegen die
Lohnbesteuerung.
Dafür dürfte sich eine Mehrheit finden.
Das sind die Realitäten, durch die heute Ausbeutung funktioniert. Schon wenn
man eine Kreditkarte benutzt, wird man ausgebeutet.
Kreditkarten wegwerfen, einstampfen? Das klingt zu einfach.
Es gibt verschiedene Widerstandsformen. Dazu gehört die Verweigerung der
Arbeit oder Widerstand gegen die Arbeit, die in der kapitalistischen
Organisation der Produktion stets Sklaverei ist. Der Kapitalismus ist
verletzlicher geworden. Eine rebellierende Peripherie greift schon das Zentrum
der Macht an. Und das Empire hat die Peripherien multipliziert, sie befinden
sich nun auch in den Metropolen. Eine Rebellion wie in den Banlieues von
Paris trifft ins Herz des Empire.
Sich der Arbeit verweigern – leichter gesagt, als getan. Wovon leben? Die
Menschen sind froh, wenn sie Arbeit haben, nicht nur von Almosen des Staates
leben müssen. Wie lange kann sich eine Gesellschaft »Out-casts«,
brachliegende menschliche Arbeitskraft, verweigerte kreative Potenziale
leisten? Im alten Rom konnte der Plebs nur auf Kosten der geplünderten
Provinzen über einen gewissen Zeitraum versorgt werden.
Sie haben recht, die zunehmende Prekarisierung ist ein sehr gefährliches
Phänomen. In Italien ist es ein bisschen anders als in Deutschland. Größere
Teile der zwar formal vom Produktionsprozess Ausgeschlossenen sind durch
Schwarzarbeit, die 20 bis 30 Prozent ausmacht, informal integriert. Man kann
die heutige Situation jedoch nicht mit dem späten Rom und auch nicht mit den
1930er Jahren in Deutschland vergleichen. Ich sehe in der Bundesrepublik
keine Situation à la Döblin.
Ich sehe das Problem woanders. Arbeit ist heute nicht identisch mit der
Fabrikarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch wenn Linke und die
Gewerkschaften dies noch immer nicht wahrhaben wollen, noch dem
fordistischen Modell des Kapitalismus verhaftet sind und nur ihre
»Blaumänner« kennen. Die Arbeit hat sich gewandelt.
Inwiefern?
Wir sind mit einer zunehmenden immateriellen, kognitiven und kooperativen
Arbeit konfrontiert, einer selbstständigen und selbstverwertenden. Anders als
die klassische materielle Arbeit, die auf Arbeits- und Produktionsmittel
angewiesen war, die das Kapital zur Verfügung stellte, ist die heutige
immaterielle und kognitive Arbeit unmittelbar produktiv, befreit vom
Unterordnungsverhältnis, das die materielle Arbeit kennzeichnete, damit
zugleich aber auch von Sicherheiten, die noch der Fabrikarbeiter kannte. Eine
breite Schicht ist heute gezwungen, in völlig anderen räumlichen und zeitlichen
Kontexten unter enorm prekären Bedingungen zu arbeiten. Dieses produktive
Subjekt eignet sich selbst die Arbeitsmittel an, ist variables und zugleich fixes
Kapital. Über die Finanzialisierung wird versucht, diese fixen Kapitale
zusammenzuhalten.
Das Maß des gesellschaftlichen Reichtums hängt heute nicht mehr vom
klassischen Wertgesetz ab. Und über diese Tatsache sind die Kapitalisten
ebenso erstaunt und irritiert wie die Linke.
Kann der Schock, den die Finanzkrise dem Kapitalismus doch immerhin in die
Glieder gejagt hat, ihn zum Wandel nötigen – hin etwa zu einem aufgeklärten
oder moderaten Kapitalismus?
Der Kapitalismus ist immer ein Dieb. Es gibt keinen guten oder besseren
Kapitalismus, keinen moderaten, rationalen oder gerechten. Es gibt nur einen
Kapitalismus, der funktioniert – das ist der Räuber. Und einen, der nicht
funktioniert und Formen von »Verrücktheiten« annimmt, die sehr gefährlich
sein können. Das Kapital lebt von Ausbeutung. Und Ausbeutung ist nie gerecht.
Die Vorstellung, es könnte eine gerechte, gar egalitäre kapitalistische Herrschaft
geben, ist absurd. Was man innerhalb des Empires tun kann und muss, ist: den
Kapitalismus dazu zu bringen, nicht »verrückt« zu werden.
Seine Kriege sind »verrückt«, mörderisch und selbstmörderisch.
Ebenso wie die Arbeit hat sich der Charakter der Kriege geändert. Wir haben es
heute nicht mehr mit den klassischen, zwischen Nationen geführten Kriegen zu
tun. Der Krieg dient heute vielmehr dazu, die Weltordnung zu justieren und zu
reorganisieren. Er ähnelt heute eher einer Polizeiaktion hoher Intensität. Er hat
die großen Industrie- und Finanzmächte gegen alles abzuschirmen, was ihnen
gefährlich werden könnte, soll ihre Herrschaft bewahren, reorganisieren. Das
Empire wird von einer manischen Gier getrieben, seine Kontollmechanismen
global stetig zu erweitern und zu perfektionieren.
Sie sagen: Der Kapitalismus ist ein Dieb. Können Sie mir auch sagen, wer den
Dieb dingfest macht? Oder zumindest schon mal ausruft: Haltet den Dieb!
Die Multitude.
Die an die Stelle der Proletarier getreten ist?
Das ist die neue Klassenrealität, entsprechend der neuen Organisation der
Arbeit, den neuen Formen der Ausbeutung. Der Begriff ist Spinozas
»Multitudo« angelehnt. Wir haben es mit einer Vielzahl von Singularitäten zu
tun, die nicht homogen sind, wie es das klassische Proletariat war. Sie
verkörpern die ganze Spannbreite diverser Lebensstile und Lebensentwürfe. Sie
eint kein einheitlicher Wille, dennoch haben wir es hier mit einer politischen
Klasse zu tun, weil ihre Interessen der Herrschaft des Empires entgegenstehen.
Was sind die Interessen der Multitude?
Globale Bürgerrechte, bedingungsloses Einkommen, Wiederaneignung des
Gemeinsamen, des Gemeinwesens und Demokratisierung der
Weltgemeinschaft.
Und wie soll das der Multitude gelingen?
Wo es Masse gibt, gibt es Energie. Schauen wir auf die globalisierungskritische
Bewegung, die Sozialforen: Die hier engagierten jungen Leute sind nicht
weniger revolutionär als die Bolschewiki. Sie reißen Mauern und Grenzen ein,
die der Kapitalismus aufgerichtet hat. Das ist heute der Klassenkampf. Oder
schauen wir nach Lateinamerika, wo sich soziale Bewegungen mit den
Regierenden verbinden und neuartige Transformationen wagen. Man muss den
Bruch organisieren, ähnlich wie einst die Sowjets, aber in einer andersartigen,
pluraleren und differenzierteren Welt. Insubordination, Rebellion, Insurrektion
sind legitim. Das Recht auf Widerstand ist ein Grundrecht.
Apropos Mauern: Was mit dem Fall der Berliner Mauer wegbrach, war das
Sozialismus?
Das war ein schlecht gemachter Sozialismus, der nicht in Richtung
Kommunismus ging.
Deshalb ist er gescheitert?
Er ist gescheitert, weil er sich wie eine kapitalistische Gesellschaft verhielt,
kapitalistischen Gesetzen des Wachstums unterwarf – mit dem Unterschied,
dass der Arbeitgeber der Staat war und als herrschende Klasse die Arbeiter
galten.
Ist der Realsozialismus an der Planwirtschaft gescheitert, wie man gemeinhin
hört und liest?
Nein. Bedeutende Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes und
Joseph Schumpeter hielten eine planwirtschaftliche Ordnung für machbar und
sinnvoll. Die Sowjetunion als die zentrale Macht des Realsozialismus scheiterte
vor allem am immensen militärischen Druck von außen, an den
Handelsblockaden und dem militanten Antikommunismus. Wenn drei Viertel
der Einkommen gebraucht werden, um Panzer und Raketen zu bauen, leidet
natürlich die Versorgung der Bevölkerung mit den Mitteln des täglichen
Bedarfs. Es ist zwar unter ungeheuren menschlichen Anstrengungen gerade in
der Zeit des monströsen Stalinismus gelungen, ein rückständiges Land zu
industrialisieren und zu modernisieren. Doch ist es nie gelungen, über ein
gewisses Akkumulationsniveau hinauszukommen. Hinzu kam der Mangel an
Freiheit. Und so konnten die westlichen Strategien des Containments und Rollbacks
letztlich erfolgreich sein.
Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir alle in der Schuld der Völker der
Sowjetunion sind, ihnen nicht genug danken können. Ohne ihre Opfer hätten
die Nazis den Krieg gewonnen und wir alle sprächen heute Deutsch.
Hat sich mit dem Umbruch 1989/90 der Sozialismus endgültig aus der
Geschichte verabschiedet oder ist er noch machbar?
Interessanterweise gibt es heute neuen Arten der Kommunikation und
Interaktion, die sehr viel eher sozialistisch als kapitalistisch sind.
Sie meinen das Internet? Konrad Zuse und Arno Peters sprachen vom
Computer-Sozialismus.
Man sollte sich nicht so sehr auf das Wort Sozialismus kaprizieren. Die Parole
auszugeben: »Sowjetmacht plus Internet ist der neue Sozialismus« – das wäre
zu einfach.
In Sowjetrussland hieß es: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus
Elektrifizierung des ganzen Landes«. Und die sowjetische Gesellschaft unter
Breshnew war angeblich schon im Übergang zum Kommunismus begriffen.
Das war ein Irrtum.
Glauben Sie an Kommunismus?
Ich bin in einer kommunistischen Familie aufgewachsen. Und ich gehöre nicht
zu jenen, die einst die Sowjetunion idealisiert und fetischisiert haben und nach
deren Zusammenbruch plötzlich allen Utopien und Gegenentwürfen
abschworen. Der Kapitalismus ist nicht schicksalhaft, nicht notwendig, nicht
hinnehmbar und nicht unüberwindbar. Es gibt ökonomische und politische
Alternativen. Eine andere Welt ist möglich.
Was für eine wird das sein? Eine kommunistische? Und wenn ja, was verstehen
Sie unter Kommunismus? Jenseits des »Kommunismus des Kapitals«.
Ein gemeinsam verwaltetes Gemeinwesen. Kommunismus bedeutet eine
radikale Veränderung der Subjektivitäten und ihres Verhältnisses zur Arbeit. Es
geht darum, die Produktion neu zu erfinden – als freie und freiwillige
Partizipation der Produzenten, die autonom und demokratisch agieren, das
Gesellschaftliche gemeinsam produzieren und reproduzieren. Und vor allem
bedeutet Kommunismus die Überwindung von Kriegen, denn es gibt jene
Kräfte nicht mehr, die den Krieg erfanden, um die Menschheit zu spalten und
auszubeuten.
Ist der Kommunismus aber auch machbar? Nicht nur eine Utopie?
Ja, in dem Moment, wenn das kapitalistische System sein produktives
Vermögen durch innere unlösbare Widersprüche infrage stellt und das Andere
auftaucht. Ich wage aber nicht zu behaupen, dass der Kommunismus uns bereits
an der nächsten Straßenecke begrüßt.
In: Neues Deutschland, 12./13.12.2009, S. 21.
Interview Karlen Vesper
Schnellsuche
Aktuelles
Publikationen
Veranstaltungen
Newsletter