Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Das verrückte Kapital

Antonio Negri über die Krise, prekäre Arbeitsverhältnisse, die Multitude und den Kommunismus

Karlen Vesper

Mit dem italienischen Neomarxisten sprach mit Unterstützung der Dolmetscherin Stefania Maffeis dieser Tage in Berlin Karlen Vesper.

Nun ist der Kapitalismus nicht kollabiert, wie von Feuilletonisten mit Ausbruch

der Finanzkrise schon orakelt worden ist?

Der Kapitalismus in seiner neoliberalen Form ist am Ende. Das ist

offensichtlich. Er steckt in einer tiefen Krise und sucht nun nach neuen Formen

der Macht.

Einstige Verfechter des Neoliberalismus fordern jetzt stärkere staatliche

Interventionen.

Um die Allmacht der Märkte etwas zu dämpfen. Man weiß aber noch nicht, wie

weit diese staatlichen Interventionen in der Ökonomie gehen dürfen. Man hat

noch keine Orientierung. Wirklich bedeutsam ist, was Barack Obama in den

USA mit der Gesundheitsreform versucht. Sie zielt auf zentralistische

Stabilisierung und auf Welfare, Wohlfahrt. Sie ist wichtig, denn sie schafft

Mobilität für die gesellschaftliche Produktivität.

Und derart kommt der Kapitalismus wieder auf die Beine? Kann so die vom

unproduktiven, spekulierenden Finanzkapital ausgelöste Krise überwunden

werden?

Das Finanzkapital ist keines wegs unproduktiv, im Gegenteil, sehr produktiv.

Das Problem ist, dass es unfähig ist, die gesellschaftliche Produktivität zu

verstehen. Der industrielle Kapitalismus hat diese noch sehr gut verstanden. Er

wusste, wie die Arbeitszeit einzuteilen, wie die Arbeiterkasse auszubeuten ist.

Er hatte ein genaues Maß vom Anteil notwendiger Arbeit und Ausbeutung der

Arbeit. Das Finanzkapital hat die Verbindung zum Ort der Arbeit verloren und

damit das Maß von gesellschaftlicher Arbeit. Das hat den Finanzkapitalismus in

Schwierigkeiten gebracht. Es müssen politische Formen der Vermittlung

zwischen Finanzkapital sowie gesellschaftlicher Arbeit und gesellschaftlichem

Reichtum gefunden werden.

Wenn der Staat wieder stärker in die Ökonomie eingreift, sollten wir da unsere

alten Stamokap-Hefte der 70er Jahre respektive unsere Lenin-Exzerpte wieder

hervorkramen? Zum Studium des Staatsmonopolkapitalismus?

Die Imperialismusanalyse von Lenin war zu seiner Zeit stimmig. Heute haben

wir die Einheit des kapitalistischen Projekts auf globaler Ebene, keine nationale

Grenzen kennend. Die Globalisierung des Finanzkapitals hat zu einer

Finanzialisierung der Welt geführt. Alle sozialen Beziehungen und nicht nur die

Produktionstätigkeit werden über die Banken vermittelt und abgewickelt. Ich

nenne das den »Kommunismus des Kapitals«, in Anlehnung an Karl Marx, der

in seinem »Kapital« die Aktiengesellschaften den »Sozialismus des Kapitals«

nannte. Gesellschaftliche Ersparnisse werden im Finanzprozess absorbiert.

Was kann man dagegen tun?

Man muss sich der Macht der Banken und Börsen widersetzen.

Wie denn?

Indem man gegen die Immobilienrendite kämpft, gegen die Zinsen, gegen die

Lohnbesteuerung.

Dafür dürfte sich eine Mehrheit finden.

Das sind die Realitäten, durch die heute Ausbeutung funktioniert. Schon wenn

man eine Kreditkarte benutzt, wird man ausgebeutet.

Kreditkarten wegwerfen, einstampfen? Das klingt zu einfach.

Es gibt verschiedene Widerstandsformen. Dazu gehört die Verweigerung der

Arbeit oder Widerstand gegen die Arbeit, die in der kapitalistischen

Organisation der Produktion stets Sklaverei ist. Der Kapitalismus ist

verletzlicher geworden. Eine rebellierende Peripherie greift schon das Zentrum

der Macht an. Und das Empire hat die Peripherien multipliziert, sie befinden

sich nun auch in den Metropolen. Eine Rebellion wie in den Banlieues von

Paris trifft ins Herz des Empire.

Sich der Arbeit verweigern – leichter gesagt, als getan. Wovon leben? Die

Menschen sind froh, wenn sie Arbeit haben, nicht nur von Almosen des Staates

leben müssen. Wie lange kann sich eine Gesellschaft »Out-casts«,

brachliegende menschliche Arbeitskraft, verweigerte kreative Potenziale

leisten? Im alten Rom konnte der Plebs nur auf Kosten der geplünderten

Provinzen über einen gewissen Zeitraum versorgt werden.

Sie haben recht, die zunehmende Prekarisierung ist ein sehr gefährliches

Phänomen. In Italien ist es ein bisschen anders als in Deutschland. Größere

Teile der zwar formal vom Produktionsprozess Ausgeschlossenen sind durch

Schwarzarbeit, die 20 bis 30 Prozent ausmacht, informal integriert. Man kann

die heutige Situation jedoch nicht mit dem späten Rom und auch nicht mit den

1930er Jahren in Deutschland vergleichen. Ich sehe in der Bundesrepublik

keine Situation à la Döblin.

Ich sehe das Problem woanders. Arbeit ist heute nicht identisch mit der

Fabrikarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch wenn Linke und die

Gewerkschaften dies noch immer nicht wahrhaben wollen, noch dem

fordistischen Modell des Kapitalismus verhaftet sind und nur ihre

»Blaumänner« kennen. Die Arbeit hat sich gewandelt.

Inwiefern?

Wir sind mit einer zunehmenden immateriellen, kognitiven und kooperativen

Arbeit konfrontiert, einer selbstständigen und selbstverwertenden. Anders als

die klassische materielle Arbeit, die auf Arbeits- und Produktionsmittel

angewiesen war, die das Kapital zur Verfügung stellte, ist die heutige

immaterielle und kognitive Arbeit unmittelbar produktiv, befreit vom

Unterordnungsverhältnis, das die materielle Arbeit kennzeichnete, damit

zugleich aber auch von Sicherheiten, die noch der Fabrikarbeiter kannte. Eine

breite Schicht ist heute gezwungen, in völlig anderen räumlichen und zeitlichen

Kontexten unter enorm prekären Bedingungen zu arbeiten. Dieses produktive

Subjekt eignet sich selbst die Arbeitsmittel an, ist variables und zugleich fixes

Kapital. Über die Finanzialisierung wird versucht, diese fixen Kapitale

zusammenzuhalten.

Das Maß des gesellschaftlichen Reichtums hängt heute nicht mehr vom

klassischen Wertgesetz ab. Und über diese Tatsache sind die Kapitalisten

ebenso erstaunt und irritiert wie die Linke.

Kann der Schock, den die Finanzkrise dem Kapitalismus doch immerhin in die

Glieder gejagt hat, ihn zum Wandel nötigen – hin etwa zu einem aufgeklärten

oder moderaten Kapitalismus?

Der Kapitalismus ist immer ein Dieb. Es gibt keinen guten oder besseren

Kapitalismus, keinen moderaten, rationalen oder gerechten. Es gibt nur einen

Kapitalismus, der funktioniert – das ist der Räuber. Und einen, der nicht

funktioniert und Formen von »Verrücktheiten« annimmt, die sehr gefährlich

sein können. Das Kapital lebt von Ausbeutung. Und Ausbeutung ist nie gerecht.

Die Vorstellung, es könnte eine gerechte, gar egalitäre kapitalistische Herrschaft

geben, ist absurd. Was man innerhalb des Empires tun kann und muss, ist: den

Kapitalismus dazu zu bringen, nicht »verrückt« zu werden.

Seine Kriege sind »verrückt«, mörderisch und selbstmörderisch.

Ebenso wie die Arbeit hat sich der Charakter der Kriege geändert. Wir haben es

heute nicht mehr mit den klassischen, zwischen Nationen geführten Kriegen zu

tun. Der Krieg dient heute vielmehr dazu, die Weltordnung zu justieren und zu

reorganisieren. Er ähnelt heute eher einer Polizeiaktion hoher Intensität. Er hat

die großen Industrie- und Finanzmächte gegen alles abzuschirmen, was ihnen

gefährlich werden könnte, soll ihre Herrschaft bewahren, reorganisieren. Das

Empire wird von einer manischen Gier getrieben, seine Kontollmechanismen

global stetig zu erweitern und zu perfektionieren.

Sie sagen: Der Kapitalismus ist ein Dieb. Können Sie mir auch sagen, wer den

Dieb dingfest macht? Oder zumindest schon mal ausruft: Haltet den Dieb!

Die Multitude.

Die an die Stelle der Proletarier getreten ist?

Das ist die neue Klassenrealität, entsprechend der neuen Organisation der

Arbeit, den neuen Formen der Ausbeutung. Der Begriff ist Spinozas

»Multitudo« angelehnt. Wir haben es mit einer Vielzahl von Singularitäten zu

tun, die nicht homogen sind, wie es das klassische Proletariat war. Sie

verkörpern die ganze Spannbreite diverser Lebensstile und Lebensentwürfe. Sie

eint kein einheitlicher Wille, dennoch haben wir es hier mit einer politischen

Klasse zu tun, weil ihre Interessen der Herrschaft des Empires entgegenstehen.

Was sind die Interessen der Multitude?

Globale Bürgerrechte, bedingungsloses Einkommen, Wiederaneignung des

Gemeinsamen, des Gemeinwesens und Demokratisierung der

Weltgemeinschaft.

Und wie soll das der Multitude gelingen?

Wo es Masse gibt, gibt es Energie. Schauen wir auf die globalisierungskritische

Bewegung, die Sozialforen: Die hier engagierten jungen Leute sind nicht

weniger revolutionär als die Bolschewiki. Sie reißen Mauern und Grenzen ein,

die der Kapitalismus aufgerichtet hat. Das ist heute der Klassenkampf. Oder

schauen wir nach Lateinamerika, wo sich soziale Bewegungen mit den

Regierenden verbinden und neuartige Transformationen wagen. Man muss den

Bruch organisieren, ähnlich wie einst die Sowjets, aber in einer andersartigen,

pluraleren und differenzierteren Welt. Insubordination, Rebellion, Insurrektion

sind legitim. Das Recht auf Widerstand ist ein Grundrecht.

Apropos Mauern: Was mit dem Fall der Berliner Mauer wegbrach, war das

Sozialismus?

Das war ein schlecht gemachter Sozialismus, der nicht in Richtung

Kommunismus ging.

Deshalb ist er gescheitert?

Er ist gescheitert, weil er sich wie eine kapitalistische Gesellschaft verhielt,

kapitalistischen Gesetzen des Wachstums unterwarf – mit dem Unterschied,

dass der Arbeitgeber der Staat war und als herrschende Klasse die Arbeiter

galten.

Ist der Realsozialismus an der Planwirtschaft gescheitert, wie man gemeinhin

hört und liest?

Nein. Bedeutende Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes und

Joseph Schumpeter hielten eine planwirtschaftliche Ordnung für machbar und

sinnvoll. Die Sowjetunion als die zentrale Macht des Realsozialismus scheiterte

vor allem am immensen militärischen Druck von außen, an den

Handelsblockaden und dem militanten Antikommunismus. Wenn drei Viertel

der Einkommen gebraucht werden, um Panzer und Raketen zu bauen, leidet

natürlich die Versorgung der Bevölkerung mit den Mitteln des täglichen

Bedarfs. Es ist zwar unter ungeheuren menschlichen Anstrengungen gerade in

der Zeit des monströsen Stalinismus gelungen, ein rückständiges Land zu

industrialisieren und zu modernisieren. Doch ist es nie gelungen, über ein

gewisses Akkumulationsniveau hinauszukommen. Hinzu kam der Mangel an

Freiheit. Und so konnten die westlichen Strategien des Containments und Rollbacks

letztlich erfolgreich sein.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir alle in der Schuld der Völker der

Sowjetunion sind, ihnen nicht genug danken können. Ohne ihre Opfer hätten

die Nazis den Krieg gewonnen und wir alle sprächen heute Deutsch.

Hat sich mit dem Umbruch 1989/90 der Sozialismus endgültig aus der

Geschichte verabschiedet oder ist er noch machbar?

Interessanterweise gibt es heute neuen Arten der Kommunikation und

Interaktion, die sehr viel eher sozialistisch als kapitalistisch sind.

Sie meinen das Internet? Konrad Zuse und Arno Peters sprachen vom

Computer-Sozialismus.

Man sollte sich nicht so sehr auf das Wort Sozialismus kaprizieren. Die Parole

auszugeben: »Sowjetmacht plus Internet ist der neue Sozialismus« – das wäre

zu einfach.

In Sowjetrussland hieß es: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus

Elektrifizierung des ganzen Landes«. Und die sowjetische Gesellschaft unter

Breshnew war angeblich schon im Übergang zum Kommunismus begriffen.

Das war ein Irrtum.

Glauben Sie an Kommunismus?

Ich bin in einer kommunistischen Familie aufgewachsen. Und ich gehöre nicht

zu jenen, die einst die Sowjetunion idealisiert und fetischisiert haben und nach

deren Zusammenbruch plötzlich allen Utopien und Gegenentwürfen

abschworen. Der Kapitalismus ist nicht schicksalhaft, nicht notwendig, nicht

hinnehmbar und nicht unüberwindbar. Es gibt ökonomische und politische

Alternativen. Eine andere Welt ist möglich.

Was für eine wird das sein? Eine kommunistische? Und wenn ja, was verstehen

Sie unter Kommunismus? Jenseits des »Kommunismus des Kapitals«.

Ein gemeinsam verwaltetes Gemeinwesen. Kommunismus bedeutet eine

radikale Veränderung der Subjektivitäten und ihres Verhältnisses zur Arbeit. Es

geht darum, die Produktion neu zu erfinden – als freie und freiwillige

Partizipation der Produzenten, die autonom und demokratisch agieren, das

Gesellschaftliche gemeinsam produzieren und reproduzieren. Und vor allem

bedeutet Kommunismus die Überwindung von Kriegen, denn es gibt jene

Kräfte nicht mehr, die den Krieg erfanden, um die Menschheit zu spalten und

auszubeuten.

Ist der Kommunismus aber auch machbar? Nicht nur eine Utopie?

Ja, in dem Moment, wenn das kapitalistische System sein produktives

Vermögen durch innere unlösbare Widersprüche infrage stellt und das Andere

auftaucht. Ich wage aber nicht zu behaupen, dass der Kommunismus uns bereits

an der nächsten Straßenecke begrüßt.

In: Neues Deutschland, 12./13.12.2009, S. 21.

Interview Karlen Vesper