Internationale Wissenschaftliche Konferenz Marx mit der MEGA neu lesen
Berlin, 27.–29. November 2009
Die Konferenz fand in Kooperation mit der Hellen Panke e.V., der RLS und der Marx-Gesellschaft e.V. im Konferenzsaal der RLS am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin statt. Daran beteiligten sich 86 Teilnehmer, darunter 10 Referenten aus acht Ländern und 9 ReferentInnen aus der Bundesrepublik, die Plenarsitzung und die Workshops wurden von fünf KollegInnen geleitet, die Gesamtvorbereitung und -Leitung oblag Rolf Hecker. Weiterhin beteiligten sich der Verlag Lotta Communista (Mailand), der VSA-Verlag (Hamburg), der MEGA-Verein und die RLS mit Bücherständen.
Wie vorgesehen reichte die Themenpalette der angebotenen Vorträge und Diskussionen von Marx‘ Frühschriften bis Engels‘ Alterswerk, die sowohl im Plenum als auch in zwei Workshops zur Geschichte und zur Politischen Ökonomie ausgetragen wurden. Die Aufteilung gestattete eine spezifische Debatte zu den Vorträgen, wenn auch im Workshop zum „Kapital“ die Diskussionszeit aufgrund der Fülle der Vorträge knapp bemessen war. Die TeilnehmerInnen verabredeten daher, spezielle Themen in den nächsten Veranstaltungen wieder aufzunehmen. Das gilt insbesondere der Debatte über die Aufbaupläne und die Struktur des „Kapitals“.
Die Podiumsdiskussion mit den ausländischen Gästen (nach Programm) am Freitagabend zeigte die Vielzahl der internationalen Marx-Aktivitäten und bekräftigte die Notwendigkeit der Kooperation bei der Herausgabe der Schriften von Marx und Engels.
Am Sonntag stellte Jakov Rokitjanskij seine soeben in russischer Sprache erschienene Rjazanov-Biografie vor. Sein Vortrag fand großes Interesse und es wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, bald eine deutsche Version zu veröffentlichen.
In der abschließenden Generaldebatte wurden die Projekte des MEGA-Fördervereins (Herausgabe der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge und von Wissenschaftlichen Mitteilungen, Marx-Biochronik in Vorbereitung des 200. Geburtstages), die Veröffentlichung der italienischen Marx/Engels-Werkausgabe durch Lotta Communista und weitere Aktivitäten vorgestellt und diskutiert. U.a. wurde Unterstützung für die Veröffentlichung eines Rubin-Bandes mit neuen Manuskripten und für die Marx-Biochronik zugesagt.
Die TeilnehmerInnen schätzten die Konferenz als gelungen ein, sie war – nach dem Feedback einiger Teilnehmer – eine „kleine Heerschau für die Marxforschung“, war eine „große Gelegenheit“ neue Forschungsergebnisse vorzustellen, die ausländischen Gäste bedankten sich für die ausgezeichnete Organisation und den freundlichen Empfang, alle waren von der freundlichen Atmosphäre und den Arbeitscharakter der Konferenz sehr beeindruckt.
Von den beiden Workshops zur Geschichte liegen folgende Berichte vor:
Bericht über den Workshop Geschichte I (François Melis)
Prof. Dr. Juha Koivisto aus Helsinki legte zu Beginn seines Vortrags „Die Bedeutung des Fragments der ,Deutschen Ideologie’ für eine Ideologietheorie“ seine Auffassung über verschiedene Ideologiestrukturen dar. Entsprechend seiner These unterscheidet er zwei Richtungen: Zum ersten einen ideologisch neutralen Aspekt, der wiederum in zwei spezifische Bewußtseinsphänomene zerfällt: erstens in eine Ideologie als Klassen- oder gruppenspezifisch einheitliche Weltanschauung, die miteinander kämpfen. Zum zweiten als Ideologie, die in institutionell verankerte Diskurs- oder Praxisformen und miteinander um ideologische Elemente kämpfen. Die andere Richtung der Ideologie ist als kritische Ansicht aufzufassen, - ein Bewußtseinsphänomen, dessen Ideologie ein falsches Bewußtsein darstellt, gegen das die Wissenschaften oder die durch sie beratenen Praxen kämpfen. (So annähernd wörtlich, um keine eigene Interpretation hineinzubringen).
Doch keiner dieser Strukturen – so der Referent weiter – träfe auf die „Deutsche Ideologie“ zu. Nach seiner Überzeugung ist für diese Arbeit die Negation charakteristisch, die er mittels des Metaphers – einer Camera opscura – anschaulich erläuterte. Die Ideologie wird darin nicht als ein Bewußtseinsphänomen betrachtet, sondern positioniert sich innerhalb des Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Gliederung. Obwohl die „Deutsche Ideologie“ ein Fragment blieb, das durch die neue Edition im Marx-Engels-Jahrbuch 2003 eine Umstrukturierung und Erweiterung erfahren hat, gäbe die Textvorlage einen interessanten Ausgangspunkt für weitere theoretische Diskussionen zur Ideologieinterpretation des Werkes.
In der Diskussion wurde vor allem das Spannungsverhältnis zwischen Marxscher Kritik der Politischen Ökonomie und Ideologie aufgeworfen. So wurde beispielsweise der These des Referenten widersprochen, dass im „Kapital“ von Marx der ideologische Aspekt nur eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Auch müsse man die Kategorien „Gedanken“ und „Ideologie“ stärker von einander unterscheiden. Eine weitere Diskutantin wies darauf hin, dass bei der weiteren Forschung über die „Deutsche Ideologie“ dem selbstkritischen Aspekt von Marx und Engels in diesem Fragment ein stärkeres Augenmerk geschenkt werden müsse.
Dr. Jürgen Herres von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft stellte den von ihm bearbeiteten und im Herbst dieses Jahres vorgelegten MEGA-Band I/21 vor. Dieser umfaßt den Zeitraum von 1867 bis 1871. Nachdem der Referent einleitend eine neue Sicht auf das 19. Jahrhundert als ersten Globalisierungsschub charakterisierte und darin auch das Werk von Marx und Engels einordnete, ging er auf drei große Komplexe ein, die in diesem Band ediert werden.
Ersten Marx’ dominierende Tätigkeit im Generalrat der I. Internationale, die an vielen Beispielen anschaulich belegt wurde. So werden auch im Anhang die Protokolle von 168 Sitzungen des Generalrats veröffentlicht. Der Referent hob in diesem Zusammenhang besonders hervor, dass wir Marx als Politiker kennenlernen, aber nicht im Sinne als aktionistischer Berufsrevolutionär, sondern er aus unterschiedlichen Gründen vermieden hätte, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Ein zweiter großer Komplex betrifft die Solidaritäts- bzw. die Amnestiebewegung für die irischen Gefangenen, wobei auch Marx’ Tochter Jenny Marx ein aktive Rolle spielte. Der Referent konnte nachweisen, dass diese persönlichen Aktivitäten auf das Handeln der britischen Regierung einen Einfluß besaßen. Und Engels arbeitete 1869/70 an einer Geschichte Irlands.
Der dritte Komplex beinhaltet die Arbeiten von Marx und Engels – von letzterem besonders die Militärartikel – über den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Für Marx – so der Referent – änderte sich mit dem Krieg die machtpolitische Landkarte Europas entscheidend. Aus Marx’ Sicht wurde Deutschland von Rußland unabhängig und damit schien ihm ein Zusammengehen von Frankreich und Deutschland zur Durchsetzung von Republiken und sozialen Revolutionen möglich.
In die Zeit des Bandes fällt auch bekanntlich die Herausgabe des 1. Bandes des „Kapitals“. So werden zahlreiche in Zeitungen lancierte Rezensionen von Engels ediert. Der Referent konnte mindestens 12 dieser Besprechungen nachweisen. Aufgrund des jetzt vorhandenen Überblicks stellte er die These auf, dass es nicht, wie persönlich von Marx eingeschätzt, zu diesem Werk eine „Allianz des Schweigens“ gab, sondern eine beachtliche öffentliche Resonanz. Das zeige sich u.a. darin, dass eine Reihe von jüngeren deutschen Privatdozenten und Professoren sich mit dem „Kapital“ auseinandergesetzt haben.
Da der Referent die Auffassung vertrat, dass Engels erhebliche Schwierigkeiten bei der Abfassung der Kapitalrezensionen hatte, wurde in der Diskussion die Frage nach den Ursachen gestellt, ohne darauf eine schlüssige Antwort geben zu können – eine Frage, worüber man weiter nachdenken sollte. Von dem japanischen Kollegen Prof. Tairako aus Tokio wurde besonders hervorgehoben, welchen wertvollen Beitrag mit der Edition dieses Bandes für die Vorbereitung des MEGA-Bandes IV/18 gegeben wurde.
Bericht über den Workshop Geschichte II (Martin Hundt)
Wie im Programm vorgesehen, referierten Prof. Dr. Renate Merkel-Melis zum Thema „Übersetzungen im Spätwerk von Friedrich Engels“ und Dr. Gerd Callesen über „Diskussion zur politischen Taktik zwischen Engels und Victor Adler“. Unser Workshop war damit der gebührende Engels-Teil unsrer Marx-Konferenz, und Renate Merkel-Melis gebührt das Verdienst, am Beginn unsrer Diskussion darauf hingewiesen zu haben, dass wir am 189. Geburtstag von Engels debattierten.
Sie gab nicht nur einen Überblick über die zahlreichen Übersetzungen, die Engels nach 1883 kritisch durchsah, selbst ergänzte oder kommentierte, sondern untersuchte sowohl die politischen Umstände, die diese Übersetzungen hervorriefen, wie die Rolle, die sie im Schaffen von Engels spielten. Es zeigt sich, dass ein bedeutender Teil dessen, was die MEGA an Neuem bietet bzw. bieten wird, in der Wiedergabe und Kommentierung von Übersetzungen besteht, und hier zeigt sich der Zusammenhang mit dem Generalthema unsrer Konferenz.
Gerd Callesen stellte die Geschichte und Überlieferung des Briefwechsels zwischen Engels und Victor Adler dar, der mit seiner Vielzahl politischer Themen aus der damaligen europäischen Arbeiterbewegung eine Reihe von Fragen aufwirft, die zu diskutieren auch heute noch lohnt. Ihr werdet das nicht nur in der Druckfassung unsrer Konferenz nachlesen können, sondern es liegt ja auch bereits eine reich kommentierte Neuausgabe dieses Briefwechsels vor und kann als Probe-Exemplar am Buchstand eingesehen werden.
Unsre lebhafte Diskussion ergab, dass die Revolutionskonzeption des alten Engels keineswegs eindeutig zu definieren ist und dass auch seine Vorstellungen über innerparteiliche Demokratie genügend Anlass für eine weitere wissenschaftliche Untersuchung bieten.
Die Debatte in unserem Workshop endete bei der Frage, ob – nicht nur beim alten Engels, sondern überhaupt im Marxismus – ein Grundwiderspruch besteht zwischen der Aussage, ein Schritt in der praktischen Bewegung sei besser als ein Dutzend Programme, andererseits aber der schon im Kommunistischen Manifest aufleuchtenden Selbstgewissheit, der Bewegung „die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ zu haben. Diesen echten hegel-marxschen Widerspruch nicht zu bejammern, sonder fruchtbar zu machen, ist eine Aufgabe, die vor uns liegt.
Prof. Dr. Rolf Hecker
Vorsitzender
* Rundschreiben/Newsletter des Vereins erscheinen seit 1998 in unregelmäßiger Folge.
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