Mit diesem historischen Abriss wendet sich Harald Neubert erneut der Hypothek des kommunistischen Erbes zu. Nach »Erneuerung oder Revisionismus in der kommunistischen Bewegung« ist es bereits das zweite Buch, das der ebenso produktive wie sachkundige Autor in diesem Jahr zum Thema historische Erfahrungen vorlegt.
Nach der Auflösung der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, an der Neubert von 1970 bis 1990 als Lehrstuhlleiter bzw. Direktor des Instituts für Internationale Arbeiterbewegung tätig war, trat er regelmäßig mit Publikationen und Vorträgen über sein einstiges Arbeitsgebiet hervor. Außerdem hat er sich als Herausgeber, Publizist und Übersetzer einen Namen gemacht.
Die von ihm in der Berliner Landesstiftung »Helle Panke e.V.« initiierte Reihe »Vielfalt sozialistischen Denkens « ist seit Jahren ein fester und vom Publikum angenommener Bestandteil des politischen Bildungsangebotes in der deutschen Hauptstadt.
Auch weil der ehemalige Mitarbeiter der von Hermann Axen geleiteten Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED zu den Zeitzeugen gehört, die seit den 1960er Jahren praktisch, politisch und wissenschaftlich an internationalen Konferenzen, Konsultationen und Treffen der kommunistischen- und Arbeiterparteien sowie der Ausarbeitung vom Abschlussdokumenten und anderen Materialien beteiligt waren, zählt er nicht nur im deutschsprachigen Raum zu den gefragten Kommunismus-Experten.
Günter Judick, Mitglied der Geschichtskommission der DKP, empfiehlt Neuberts neues Buch seinen Genossen zur Lektüre, den in »der Bildungsarbeit unserer Partei«, wie er in seiner Vorbemerkung schreibt, seien viele der hier angesprochenen und kommentierten Ereignisse »kaum behandelt worden«.
Auch wenn diese Beobachtung für die ehemalige PDS, den Rosa-Luxemburg-Stiftungsverbund und »Neues Deutschland« nicht gilt, ist diese Lektüreempfehlung auf deren Anhänger bzw. Abonnenten auszuweiten.
Neuberts neues Buch über das Scheitern des sowjetischen Sozialismusmodells, über Internationalismus, Erneuerung und Alternativen zum bestehenden System kann den Diskurs zur Konsensbildung in der LINKEN befördern. Für eine Partei, die über zwanzig Strömungen in sich birgt und deren Diskussionsbedarf ungestillt ist, ist dies das richtige Buch zur rechten Zeit. Denn die auch für die LINKE geltende Zauberformel heißt, sich gegenseitig auszuhalten. Ohne ein umfassendes Zusammenwirken werden die linken Kräfte nichts bewirken können, fasst Neubert zusammen und verweist auf Diskussionsforen in Lateinamerika, die einen derartigen Meinungsaustausch befördert, zur Vereinbarung eines Mindestkonsens beigetragen und offene Aktionsbündnisse ermöglicht haben.
Neubert tritt nicht mit dem Anspruch auf, eine umfassende und ausgewogene Geschichte der kommunistischen Bewegung zwischen 1919 und 1990 verfasst zu haben. Er versteht sein Buch vielmehr als bescheidenen Beitrag dazu. Er ist sich bewusst, nur ein mosaikartiges Bild vermitteln zu können. Dieses aber ist zugleich vor allem ein eindringlicher Appell an alle europäischen Linkskräfte, auf der Grundlage eines einheitlichen Aktionsprogramms und Zukunftsvorstellungen zusammen zu arbeiten.
Harald Neubert: Die internationale Einheit der Kommunisten. Ein dokumentierter historischer Abriß. Neue Impulse Verlag, Essen 2009. 346 S., br., 19,80 Euro
Neues Deutschland, 25.6.2009, S. 15.
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