Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Linkssozialismus

Wladislaw Hedeler

Zu den Parteien, die beständig auf die Notwendigkeit eines abgestimmten Zusammenwirkens und organisatorischen Zusammenschlusses nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Linken hingewiesen haben, gehörte die PDS. Ihre seit einem Jahr abgeschlossene »kurze Geschichte« stellte immer wieder unter Beweis, dass programmatische Orientierung nicht von einer Klärung des Verhältnisses zur Geschichte des Kommunismus und Sozialismus zu trennen ist. Dies zeigten auch die im Vorfeld des 1. Parteitages der LINKEN zu vernehmenden unterschiedlichen Stellungnahmen zum 1989 formulierten Gründungskonsens der PDS, »mit dem Stalinismus als System zu brechen«, ebenso wie die von Parteiprogramm zu Parteiprogramm nachweisbaren Versuche, das Scheitern des »realen Sozialismus« zu erklären.

Der Zusammenbruch des »sozialistischen Weltsystems« hat die linken Kräfte generell, darunter auch die sozialistischen und kommunistischen, keineswegs einander näher gebracht. Man gewinnt eher den Eindruck, dass auch nach dem Scheitern der sozialistischen Ordnungen, die eine Ursache ihres früheren Zerwürfnisses waren, noch nicht zusammengefunden haben, sondern im Gegenteil mehr als zuvor zersplittert und zerstritten sind. Der Vereinigungsprozess der Linken kann nur dann erfolgreich sein, wenn jede Uniformierung ausgeschlossen wird. Die Absage an jede Form des Zentralismus und eine einheitliche ideologische Ausrichtung á la »Partei neuen Typs« durchzog wie ein roter Faden die Positionspapiere der PDS zur Formierung einer europäischen Linkspartei, die die Durchsetzung einer radikalen und partizipativen Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Die neue Linke definiert sich schon lange nicht mehr nur über die Tradition der Arbeiterbewegung. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient eine noch zu wenig beachtete, unverzichtbare Traditionslinie der demokratisch‐sozialistischen Grundströmung in der Zeit der Weimarer Republik und später in der Bundesrepublik Deutschland – der Linkssozialismus. Auch wenn über dessen Wesen noch keine einhellige Meinung besteht, ist unbestritten, das er innerhalb der Arbeiterbewegung seit der Revisionismusdebatte in der II. Internationale als eigenständige Position zu betrachten ist. Fragen der Bündnis‐, Gewerkschafts‐ und Koalitionspolitik standen ebenso wie Fragen nach den Organisationsformen und dem Weg zur Macht in linkssozialistischen Debatten an erster Stelle. Die von einer Polemik gegen die Programmatik der in der II. bzw. der III. (KI) Internationale organisierten Parteien begleitete Rückbesinnung auf Räte‐ und Basisdemokratie und ging mit dem Entwurf einer freien, gerechten, solidarischen Gesellschaft einher.

Die von den in der europäischen Arbeiterbewegung dominanten Strömungen ausgegrenzten Linkssozialisten haben ihre Bewegung stets als Sammlungsbewegung verstanden. Das von ihr zusammengetragene Potenzial gilt es heute zu nutzen. Es ist kein Zufall, das der Berliner Dietz‐Verlag nach der Wende eine Bibliothek »Soziales Denken« in das Programm aufnahm und Autoren vorstellte, die die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen wollten, wie etwa einst Paul Levi oder Anton Pannekoek oder Wolfgang Abendroth. Deren Texte enthalten ebenso anregende wie originelle Überlegungen und setzen Maßstäbe für die Problematisierung aktueller gesellschaftlicher Entwicklung. Angesichts dieses auszuschöpfenden Potenzials und die Nachfrage nach originellen und originären programmatischen Überlegungen ist der zu beobachtende Pragmatismus und die Theorieabstinenz in der Linken heute eigentlich unerklärlich.

Die Linke wird sich weiter im Spannungsfeld zwischen der Verfolgung weiterreichender Reformperspektiven und kurzfristiger Wahl‐ und Regierungsinteressen bewegen und zurechtfinden müssen. Anknüpfend an dieses, von Peter von Oertzen 1996 formulierte Dilemma sei auch an die von ihm eingeforderte Analyse der geschichtlichen Entwicklung und der aus dieser hervorgegangenen Zustände erinnert. Arbeit ist nötig, Hoffen ist erlaubt.

Der Historiker Dr. Wladislaw Hedeler ist Kuratoriumsmitglied des Berliner Vereins »Helle Panke«, der am 6./7. Juni zu einer Tagung über Linkssozialismus lädt

Neues Deutschland, 23.5.2008