Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Künstlerblock bleibt rot!

Helle Panke führt zu historischem Wohnort

Max Schroeder und Alfred Kantorowicz gingen im Morgenmantel Brötchen kaufen. Ernst Busch probte seine Lieder bei geöffnetem Fenster. Steffie Spira, Günter Ruschin, Arthur Koestler und andere machten sich von hier aus auf zu Agitpropeinsätzen, oft ins nahe bürgerliche Steglitz. Die Rote Fahne kritisierte »kleinbürgerliches Wohnen« am Laubenheimer Platz.

Die Reformsiedlung Künstlerkolonie war in den Jahren 1927 bis 1929 in der Nähe des

Breitenbachplatzes in Wilmersdorf errichtet worden. Finanziert von der Berufsgenossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller, gefördert durch städtische Subventionen. Es entstanden drei große Wohnblocks mit lichten, großzügigen Innenhöfen, gruppiert um den Laubenheimer Platz – heute Ludwig‐Barnay‐Platz. In die über 800 Eineinhalb‐bis Dreiraumwohnungen zogen viele junge Schauspieler und Publizisten, überwiegend politisch links eingestellt. Schnell wurde die Siedlung als roter Block, als rote Tintenburg, aber auch als Hungerburg bekannt. In der Weltwirtschaftskrise waren etliche der Bewohner arbeitslos und konnten die Miete nicht aufbringen. Mieterräte kämpften für Mietminderungen und gegen Zwangsräumungen.

Als Anfang der 30er Jahre die faschistischen Provokationen und Übergriffe zunahmen, bildeten die Laubenheimer eine Schutzorganisation, angeführt von dem Publizisten Axel Eggebrecht. In der Nazi‐Zeit gab es Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Viele Bewohner emigrierten. Andere stellten Flugblätter her, pinselten Losungen zur Reichstagswahl am 5. März 1933 – »Für Freiheit, Arbeit,

Brot – der Künstlerblock bleibt rot!«. Bei einer Großrazzia am 15. März 1933 wurden nicht nur »Schutzverhaftungen« vorgenommen. Es gab bereits die erste Bücherverbrennung in Berlin. »Die Berliner Künstlerkolonie endlich ausgehoben!« jubelte der »Völkische Beobachter«.

Heute erinnern Gedenktafeln und ein Gedenkstein an einige ehemalige Bewohner, so an den in faschistischer Haft ermordeten Schauspieler Hans Meyer‐Hanno oder den in Auschwitz umgekommenen Schriftsteller Georg Hermann. Ein Verein Künstlerkolonie recherchiert und bewahrt die Geschichte der Siedlung. Einige Kolonisten, so auch Ernst Busch, dessen 28. Todestag sich am 8. Juni jährt, kehrten nach Emigration oder Haft nach Kriegsende wieder an den Laubenheimer Platz zurück. Die Theaterfotografin Eva Kemlein, die bis zu ihrem Tod 2004 Koloniebewohnerin war, hat 1945 Busch's Rückkehr im Bild festgehalten.

Alle, die sich für die Kultur‐ und Baugeschichte dieser bemerkenswerten Siedlung interessieren, sind beim Verein Helle Panke und beim Freundeskreis Ernst Busch zur Führung am 6. Juni eingeladen.
Zwischen 10 und 17 Uhr veranstalten sie eine Bus‐Exkursion zur Künstlerkolonie.

Die Teilnahmegebühr beträgt 15 Euro (inkl. Mittagessen). Karten gibt es in der Geschäftsstelle der Hellen Panke, Kopenhagener Straße 76, Prenzlauer Berg, Tel. 47 53 87 24, info@helle‐panke.de.

Neues Deutschland, 23.5.2008