Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Anlässlich des 25. Todestages von Anna Seghers

Die Krise der jungen Frau Netty

Wolfgang Girnus

Netty war das einzige Kind der angesehenen orthodox jüdischen Familie des Mainzer Kunsthändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig. Wohl behütet und umsorgt fehlte ihr nichts, um den Weg einer gebildeten und weltoffenen Frau – und wenn es nach den Eltern ginge: Kunsthändlerin – erfolgreich zu gehen. Aber Netty nahm nicht den vorgezeichneten Weg! Nach dem Abitur studierte Netty Reiling zunächst in Köln, dann an der Universität Heidelberg Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie und promovierte 1924 mit einer Dissertation über „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“. Soweit der Lernstoff für die akademische Elite. Was sie aber wirklich in der Zeit beeindruckte und prägte, waren die Assoziationen, Anregungen und Einflüsse, die sie in dieser liberalen und weltoffenen Atmosphäre aufnehmen konnte, die geprägt war von bekannten Wissenschaftlern und engagierten Kommilitonen. Einer hatte es ihr besonders angetan: Der ungarische Soziologe und Kommunist László Radványi, der nach der Räterevolution sein Land verlassen musste.

Nach dem Studium kehrte Netty Reiling zunächst ins Elternhaus nach Mainz zurück. Dort überhäuften die Eltern sie mit Arbeit und Aufträgen, die sie auf den vorgezeichneten Weg zurückführen sollten. Netty aber begann sich ihren eigenen Weg zu bahnen, dessen nächster Abschnitt klar für sie war: Sie wollte Schriftstellerin werden, und sie wollte László Radványi heiraten. 1925 wurde die Ehe geschlossen, beide zogen nach Berlin, wo 1926 Sohn Peter und 1928 Tochter Ruth geboren wurden.

1927 erschien ihre Erzählung „Grubetsch“ – erstmals unter dem Pseudonym Seghers. Mit dieser literarischen Premiere begann und lernte sie ein neues Milieu zu gestalten, ein Milieu, aus dem sie selbst nicht kam, dem sie nicht angehörte und zu dem sie auch keinen intimen Kontakt hatte: Arme Leute bis hin zur Erzählung sozial revolutionärer Entwicklungen. Das Beispiel dafür ist ihr erstes Buch „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (1928).

Anna Seghers hat in ihrem Leben wenig Privates preisgegeben. Es ist das Verdienst von Sigrid Bock, die in der DDR mit Anna Seghers zusammenarbeitete, auf die Spurensuche gegangen zu sein, Werk und Briefwechsel gesichtet und analysiert, Zeitzeugen befragt zu haben. Daraus ist ein Buch entstanden: „Der Weg führt nach St. Barbara. Die Verwandlung der Netty Reiling in Anna Seghers“ (Karl Dietz Verlag, Berlin 2008). Sigrid Bock zeichnet darin Kindheit, Jugend, das Suchen und Finden des eigenen Weges der Schriftstellerin Anna Seghers, ihr Ringen mit den eigenen Zweifeln und dem Zeitgeist nach – bis: „Ich verstand, dass es nichts gab, was man nicht schreiben kann.“

Sigrid Bock hat im Marzahner Gesellschaftspolitischen Forum einen spannenden und anregenden Abend gestaltet, der den zahlreichen Gästen eine der größten Erzählerinnen der Literaturgeschichte auf neue Weise nahe brachte.

Das Informationsblatt „DIE LINKE. Bezirksverband Marzahn‐Hellersdorf“ in seiner Ausgabe Mai 2008 über die Veranstaltung in unserer Reihe „Marzahner Gesellschaftspolitisches Forum“ vom 8. April 2008 zum Thema: „Anlässlich des 25. Todestages von Anna Seghers – Die Krise der jungen Frau Netty“