Leiharbeit, Zeitverträge und ein ständiger Wechsel des Arbeitsplatzes – ein Großteil der abhängig Beschäftigten ist heute mit der einen oder anderen Form dieser Arbeitsrealität konfrontiert. Eine tarifliche Entlohnung jenseits von Leistungsdruck, Kapitalverwertung und Renditeerwartung wird für viele Arbeitnehmer zu einem Wunschtraum, der an die »goldenen Zeiten« des fordistischen Kapitalismus erinnert, mit dem 21. Jahrhundert aber kaum mehr assoziiert werden kann.
Anlässlich dieser Entwicklung veranstaltete der Verein „Helle Panke“ vergangenes Wochenende in Berlin eine Tagung unter dem Motto: »Zerklüftung der Arbeitsgesellschaft im Finanzmarktkapitalismus – Konsequenzen für linke Politik«.
Dieter Sauer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München führte in seinem Vortrag den Begriff des Prekariats ein. Dieser, wesentlich durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu geprägte Begriff drücke das Charakteristikum der modernen Arbeit aus. Schlechte, kaum mehr zur Sicherung der Existenz ausreichende Bezahlung, geringe Sozialansprüche, Flexibilität und mehrere Arbeitsverhältnisse gleichzeitig seien heutige alltäglich, so Sauer. Mario Candeias, Referent für Kapitalismusanalyse bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, rechnet dem Prekariat jeden Arbeitnehmer zu, der weniger als zwei Drittel des durchschnittlichen Einkommens einer Gesellschaft verdiente. »Prekäre Beschäftigung ist nicht ausschließlich auf Geringqualifizierte zu reduzieren. Es trifft genauso auf Hochqualifizierte und Universitätsabsolventen zu«, erklärte Candeias. Auch sei es kein ausschließlich deutsches Phänomen. »Bis auf wenige Ausnahmen zeigen alle kapitalistischen Industriestaaten eine derartige Entwicklung«, so der Politikwissenschaftler. Seine These: »Das neue normale Arbeitsverhältnis ist prekär.«
Joachim Bischoff, Lektor im VSA-Verlag und erst kürzlich mit der LINKEN in die Hamburger Bürgerschaft eingezogen, erkennt eine »dauerhafte Ausgrenzung des Prekariats vom Prozess der gesellschaftlichen Arbeit«. Prekär Beschäftigte haben nach Auffassung des Ökonoms kaum eine Chance auf eine Reintegration in ein gesichertes Arbeitsverhältnis.
»Die politischen Rahmenbedingungen zu einer permanenten Leistungssteigerung negieren die Mitbestimmung der Angestellten eines Betriebes«, meinte Dieter Sauer. »Der Einzelne kann eine Veränderung dieser Arbeitsrealität nicht herbeiführen.« Gewerkschaftliche Arbeit, um Mitbestimmung und Einflussmöglichkeiten der Arbeitnehmer auszubauen, könnte ein erster Lösungsansatz sein, um dieser Arbeitsrealität Grenzen zu setzen. Ein Austausch unter den Arbeitnehmern ist laut Sauer Voraussetzung der eigenen Mobilisierung und damit gleichzeitig ein möglicher Anfang zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, so der Sozialwissenschaftler. Kornelia Möller, Mitglied der Linksfraktion im Bundestag, erweiterte diesen Vorschlag: Mit dem Ziel, die Arbeitnehmer in tariflich entlohnte Arbeit zurückzuführen, beabsichtige ihre Partei ein Zusammenspiel von Gewerkschaften, außerparlamentarischen Protestbewegungen und parlamentarischen Kräften.
Ina Leukefeld, Mitglied der Linksfraktion im Erfurter Landtag, unterfütterte die zum Teil sehr theoretische Debatte mit Zahlen. 51 Prozent der abhängig Beschäftigten in Thüringen seien von Unterbezahlung betroffen. Hier gebe es etwa 22 000 »Aufstocker«, deren nicht existenzsichernder Arbeitslohn durch ALG II erhöht werden müsse. »Dies sind die Resultate einer marktorientierten Arbeitsgesellschaft, in der Marktrisiken ausschließlich an die Beschäftigten weitergegeben werden«, so das Fazit Leukefelds.
Neues Deutschland, 15.4.2008
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