Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Die Achtundvierziger

Eine deutsche Revolution in Biografien

Karlen Vesper

Ob Georg Werth so glücklich wäre, wüsste er, dass seine Autorenschaft hinsichtlich einer Artikelserie in der »Neuen Rheinischen Zeitung« nun enttarnt ist? Denn das heißt, diese wird, im Gegensatz zur MEW, in der neuen Mega-Edition MEGA keine Aufnahme finden, da sie nicht, wie bisher angenommen, aus der Feder von Marx stammt. Geht dem Schriftsteller und politischen Journalisten Werth damit ein Stück Nachruhm verlustig? Kaum. Er kann sich eh nicht beklagen, in Ost-und Westdeutschland gab es eine rege Werth-Forschung, während andere 1848er der Vergessenheit respektive ideologisch motivierter Vernachlässigung anheimfielen. Walter Schmidt, Grand Seigneur der 1848er Forscher der DDR, wunderte sich u. a., dass es nach wie vor auch keine große Biografie von Wilhelm Liebknecht gibt, »die er längst verdient hätte«.

Es war Francois Melis, der auf einer Konferenz am Wochenende in Berlin über Fortschritte bei der Zuordnung der unsignierten Beiträge in der »Neuen Rheinischen Zeitung« informierte. Der Wissenschaftler räumte auch mit Legenden auf, wie etwa jener von Engels verbreiteten, Köln im »fortschrittlichsten Teil Deutschland« habe von vornherein als Herausgabeort des Blattes festgestanden. Nein, Marx hatte auch Berlin im »von Hofgesindel und Beamten beherrschten Preußen« ins Auge gefasst, das im März 1848 dramatische Kämpfe erlebt hattee (Foto: Archiv). Schmidt bilanzierte die Erträge der DDR-Forschung. Kritisch vermerkte er ahistorische Kritik an liberalen Demokraten, Abwertung nichtmarxistischer Revolutionäre und enge Zentrierung auf Marx, dessen Urteile über Zeitgenossen unbesehen übernommen wurde, womit einigen Akteuren arges Unrecht widerfuhr. Als Verdienst vermerkte Schmidt die Orientierung auf treibende Kräfte von unten. Versäumnisse, Fehldeutungen, Defizite sind wettgemacht mit den zwei unter seiner Ägide 2003/06 erschienenen, von einem ostwestdeutschen Kollektiv erarbeiteten Bänden »Akteure eines Umbruchs: Männer und Frauen der Revolution von 1848/49«. Ein dritter ist für 2009 angekündigt.

Verwunderlich ist ebenso, dass es bislang noch keine Biografie über den ersten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments auf deutschem Buchmarkt gibt. Nunmehr ist zwar eine über Heinrich von Gagern verfasst, doch harrt sie ihrer Veröffentlichung. Autor Frank Möller berichtete über seine Recherchen zum politischen Wollen und Können des Vorstehers der Frankfurter Nationalversammlung, der von Konservativen wie auch Linken zu Unrecht als »eine Null mit Augenbrauen« diffamiert worden war. Die Herausgabe seiner Memoiren zu Lebzeiten scheiterte, »da es Zeitläufte gibt, die eine Biografie für opportun oder eben nicht opportun erscheinen lassen«, wie dessen Bruder Max bemerkt hatte. Das gilt heute nicht minder. Darob warnte denn auch Möller, für Sinn-und Traditionsstiftung Geschichte als Steinbruch zu nutzen. Die offiziellen Feierlichkeiten zum

150. Jahrestag der 1848er Revolution (1998) hatten mehrere Konferenzteilnehmer als große Harmonieveranstaltung in Erinnerung: Die Revolution ist entpersonifiziert worden, denn in den allgemeinen Jubel um Freiheit, Recht und Einigkeit hätten sich die Biografien der historischen Akteure, ob Linke, Liberale, Demokraten oder Konservative, schwer eingefügt.

Am Beispiel von Felix Fürst von Schwarzenberg demonstrierte Gunther Hildebrandt Wandlungen eines Konservativen aus deutsch-böhmischer Großagrarier-Kaste. Als Ministerpräsident schlug er nach der Niederschlagung der Revolution in der k.-u.-k.-Monarchie keinen ultrarechten, sondern gemäßigt-konservativen Kurs ein und anerkannte den Konstitutionalismus als zeitgemäß. Birgit Bublies-Godau stellte den Juristen Jacob Venedey vor, ehemals Bund der Geächteten und hessischer Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung bis zu deren schmähliches Ende im Juni 1849.

Einer seiner Nachfahren hat 1946 in Hessen einen echten (nicht einen solch aberwitzigen wie jetzt in Berlin) Volksentscheid initiiert.

An die Frauen der Revolution, die lange Zeit (und seit der Millenniumswende wieder) in Forschung und Publizistik qualitativ und quantitativ unterbewertet blieben (sind), erinnerte Marion Freund. Dabei hätten sie »interessante literarische Reflexionen einer bewegten Zeit« hinterlassen, ob mit Zeitschriften oder auch mit Erlebnisberichten und Romanen über die Revolution. Sie stießen auf Grenzen der Toleranz, mussten erfahren, dass sie von den Freiheits-und Gleichheitspostulaten der Männer ausgeschlossen wurden, egal wie stark sie sich einbrachten. »Flintenweib« war wohl noch eine der harmlosesten Diffamierungen dieser couragierten Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation. Neue Forschungsergebnisse präsentierten des Weiteren zu preußischen Offizieren 1848/49 und damaligen Generationskonflikten Erhard Kiehnbaum sowie Rüdiger Hachtmann. Und nach all den Prominenten holte Kurt Wernicke noch einen Müllergesellen und einen Arbeitsmann aus ihren Gräbern.

Geladen hatten zur Tagung ins Domizil der »Hellen Panke« der Arbeitskreis Vormärz und 1848er Revolutionsforschung der Leibniz-Sozietät sowie der Verein zur Förderung der MEGA-Edition. Dessen Vertreter Rolf Hecker beklagte die Abwesenheit der Ökonomen. Aber auch die Juristen fehlten, obwohl ihre Zunft große 1848er kennt. Savigny trat zwar im Revolutionsjahr von seinem Ministerposten zurück, Eduard Lasker indes hielt mit Robert Blum Wiener Barrikaden. Wie die Schriftstellerin Rosemarie Schuder in ihrer Lasker-Biografie ausweist, hat Bismarcks jüdischer Gegenspieler übrigens allein bis 1877 in deutschen Parlamenten 927 745 328 Worte gesprochen, 422 mehr als Goethe schrieb und 3129 mehr als Ciceros Reden enthielten.– Wie viele Worte verlor bislang Anwalt Gysi in Bundestag? Oder Bisky, der einen 1848er Urahn hat. Wer zählt ihre Worte?

Neues Deutschland, 29.4.2008, S. 9