Eine grundlegende Einführung in die Thematik bot Diers. Er machte darauf aufmerksam, dass es über die inhaltliche Definition keine abschließende Auffassung gebe. Es gelte, sich Karheit darüber zu verschaffen, worin die Unterschiede des Linkssozialismus zu anderen theoretischen und politischen Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung (Kommunismus, Sozialdemokratie, Austromarxismus, Eurokommunismus) bestehen. Weitgehender Konsens sei, so Diers, dass der Linkssozialismus in Geschichte wie Gegenwart als eine eigenständige Position anzusehen ist. Seit dem sogenannten Revisionismusstreit in der deutschen und internationalen Sozialdemokratie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts sei Grundkonzept des Linkssozialismus eine dialektische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Reform und Revolution. Diese sowohl antirevisionistischen als auch antidogmatischen marxistischen Auffassungen gerieten mit sozialdemokratischen und dann auch kommunistischen Konzeptionen in Konflikt.
Als Gegner einer nur reformistischen Politik, als Streiter gegen Antikommunismus und Antibolschewismus, aber auch als Kritiker einengender Verpflichtung auf verbindliche historische Vorbilder bei revolutionären Veränderungen der Gesellschaft sowie als Fürsprecher einer demokratischen Diskussionskultur saßen die Vertreter des Linkssozialismus zwischen den Stühlen. Als gemeinsame Charakteristika historischer und aktueller linkssozialistischer Positionen nannte Diers u. a. die Abgrenzung gegenüber der Politik der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien, kritische Haltung zur Theorie und Praxis der sogenannten radikalen Linken sowie zu trotzkistischen, maoistischen und spontaneistischen Gruppen sowie ihre parteiübergreifenden Bemühungen auf nationalstaatlicher und internationaler Ebene, dabei stets Demokratie, Basisinitiative und Selbstverwaltung unterstreichend und Avantgardismus ablehnend.
Linkssozialismus sei nicht vorrangig eine Organisationsfrage, sondern in erster Linie eine Aufklärungsbewegung, bestätigten andere Kolloquiumsteilnehmer, die Protagonisten vorstellten, so Paul Levi, Arcady Gurland, Leo Kofler, Wolfgang Abendroth und Peter von Oertzen. Die teilweise kontroverse Diskussion zeigte, dass weiterer Klärungsbedarf besteht. Dem soll demnächst eine Konferenz zum Austromarxismus dienen.
ND, 14./15.6.2008
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