Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Ein aktuelles Erbe

Kolloqium über Traditionen des Linkssozialismus

Rainer Holze
Bisher befasste sich das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen ins Leben gerufene Ständige Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung auf sechs wissenschaftlichen Konferenzen hauptsächlich mit den demokratischen Traditionen des deutschen und internationalen Kommunismus. Nun hielten es die Organisatoren für an der Zeit, den Schwerpunkt auf den Linkssozialismus zu legen. Allein die Fusion der PDS und WASG zur Partei DIE LINKE macht eine Weitung linken Traditionsverständnisses dringlich. So lud die Luxemburg-Stiftung ins Domizil der "Hellen Panke" in Berlin. Unter der Moderation von Klaus Kinner (Leipzig) debtattierten ausgewiesene Historiker aus dem In- und Ausland, darunter Andreas Diers (Frankfurt am Main), Jaroslaw Leontjew (Moskau), Sascha Wagener, Mario Kessler und Uli Schöler (alle drei Berlin), Michael Buckmiller und Gregor Kritidis (beide Hannover), Michael Krätke (Amsterdam) und Christoph Jünke (Bochum) sowie Lothar Bisky. Der Vorsitzende der Europäischen Linkspartei betonte, dass Kenntnis und Ausschöpfung der linkssozialistischen Traditionen für die Identitätsfindung der LINKEN, insbesondere für die Erarbeitung ihres Parteiprogramms unverzichtbar seien. Dementsprechend wünschte er sich von den Geschichtswissenschaftlern gesicherte Erkenntnisse.

Eine grundlegende Einführung in die Thematik bot Diers. Er machte darauf aufmerksam, dass es über die inhaltliche Definition keine abschließende Auffassung gebe. Es gelte, sich Karheit darüber zu verschaffen, worin die Unterschiede des Linkssozialismus zu anderen theoretischen und politischen Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung (Kommunismus, Sozialdemokratie, Austromarxismus, Eurokommunismus) bestehen. Weitgehender Konsens sei, so Diers, dass der Linkssozialismus in Geschichte wie Gegenwart als eine eigenständige Position anzusehen ist. Seit dem sogenannten Revisionismusstreit in der deutschen und internationalen Sozialdemokratie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts sei Grundkonzept des Linkssozialismus eine dialektische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Reform und Revolution. Diese sowohl antirevisionistischen als auch antidogmatischen marxistischen Auffassungen gerieten mit sozialdemokratischen und dann auch kommunistischen Konzeptionen in Konflikt.
Als Gegner einer nur reformistischen Politik, als Streiter gegen Antikommunismus und Antibolschewismus, aber auch als Kritiker einengender Verpflichtung auf verbindliche historische Vorbilder bei revolutionären Veränderungen der Gesellschaft sowie als Fürsprecher einer demokratischen Diskussionskultur saßen die Vertreter des Linkssozialismus zwischen den Stühlen. Als gemeinsame Charakteristika historischer und aktueller linkssozialistischer Positionen nannte Diers u. a. die Abgrenzung gegenüber der Politik der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien, kritische Haltung zur Theorie und Praxis der sogenannten radikalen Linken sowie zu trotzkistischen, maoistischen und spontaneistischen Gruppen sowie ihre parteiübergreifenden Bemühungen auf nationalstaatlicher und internationaler Ebene, dabei stets Demokratie, Basisinitiative und Selbstverwaltung unterstreichend und Avantgardismus ablehnend.
Linkssozialismus sei nicht vorrangig eine Organisationsfrage, sondern in erster Linie eine Aufklärungsbewegung, bestätigten andere Kolloquiumsteilnehmer, die Protagonisten vorstellten, so Paul Levi, Arcady Gurland, Leo Kofler, Wolfgang Abendroth und Peter von Oertzen. Die teilweise kontroverse Diskussion zeigte, dass weiterer Klärungsbedarf besteht. Dem soll demnächst eine Konferenz zum Austromarxismus dienen.

ND, 14./15.6.2008